Bockshörner und Skandale

17.08.2011

Bernhard Krüsken, Geschäftsführer DVT, Bonn
Publiziert in: Kraftfutter/FeedMagazine 7-8/2011

Leider bleiben den Verbrauchern und der Agrar- und Ernährungswirtschaft die Lebensmittelkrisen und „Vorfälle“ nicht erspart. Der zurückliegende EHEC-Ausbruch war von beispielloser Dimension: Tausende akut Erkrankte, Hunderte Intensivpatienten und über 50 Todesfälle. Angesichts dieser tragischen Größenordnung ist es erklärbar, dass der noch zu Jahresbeginn in der Dioxin-Krise so tonangebende Chor der Skandalisierer und Systemwechsel-in-der-Landwirtschaft-Forderer im Hintergrund geblieben ist. Es wäre verantwortungslos und zynisch gewesen, hier mit den sonst so gängigen Forderungen mancher Nichtregierungsorganisation in die politische Verwertung des Geschehens einzusteigen. Oder lag es doch nur daran, dass die vertrauten und gewohnten Feindbilder (Konzerne, industrielle und konventionelle Landwirtschaft, Agrarfabriken, Massentierhaltung usw.) offenkundig nicht mehr passten? Wir wollen es nicht hoffen.

Natürlich ist jede Krise anders, Vergleiche sind schwierig. Aber einige Dinge fallen schon auf: Zunächst bildet das föderale Organisationsprinzip eine natürliche Barriere auf dem Weg zu einem effektiven und abgestimmten Krisenmanagement, zumindest in Sachen Informationsfluss und Risikokommunikation. Die Klage darüber scheint aber ähnlich sinnvoll zu sein wie eine Beschwerde über das Wetter – jeder sieht es irgendwie ein, aber keiner ist in der Lage, eine Änderung herbeizuführen. Trotz aller Bekenntnisse zur künftigen Besserung können die Krisenpläne der Unternehmen nicht darauf bauen, dass die Behörden der Bundesländer unterschiedlicher politischer Prägung reibungslos zusammenarbeiten.

Der Fall ist außerdem ein klassisches Lehrstück zur Risikowahrnehmung. Für Mediziner ist es eine Binsenweisheit und tägliche Erfahrung, dass unter europäischen Verhältnissen die tatsächlichen Gesundheitsrisiken nicht in Strahlen, Dioxin, Pflanzenschutzmittelrückständen und sonstigen Kontaminanten, sondern in der Mikrobiologie liegen. Diese Einsicht ist nun auf schmerzhafte Weise in das öffentliche Bewusstsein gedrungen. Es waren nicht die Gurken – aber auf den Gurken waren auch EHEC-Erreger. Nun ist der ägyptische Bockshornkleesamen als Träger identifiziert. Eine exotische Wahl, die immer noch Fragen aufwirft: Wie lange war diese Quelle aktiv? Passt das zur Dimension des Geschehens? Welche Rolle spielen Sekundärkontaminationen entlang der Verarbeitungskette?

Viel offensichtlicher ist eine andere Frage: Wo bleibt die Entschiedenheit der politischen und gesetzgeberischen Reaktion? Sie erinnern sich: Die Dioxin-Vorfälle haben eine Reihe von neuen rechtlichen Vorgaben ausgelöst. Einige wenige waren durchaus sinnvoll und der Beseitigung von Schwachstellen geschuldet. Viele waren aber aus unterschiedlichen Gründen nicht dazu geeignet, die Lebens- und Futtermittelsicherheit zu verbessern und haben lediglich das Prädikat „Aktionismus“ verdient (trotzdem sind die Folgen für die Futtermittelkette erheblich).

Wie auch immer – warum also nach einem solchen Vorfall wie EHEC kein 14-, 20- oder gar 30-Punkte-Plan zur Verbesserung der Lebensmittelsicherheit? Seien wir ruhig optimistisch und unterstellen, dass die Einsichten gereift sind und der gesetzgeberische Reflex nicht mehr ohne fachlich saubere Problemanalyse blind auslöst. Dann ist aber die Einsicht unausweichlich, dass wir uns nach Dioxin in das legislative Bockshorn haben jagen lassen.

 
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