(Um)Denken!

17.08.2010

Peter Radewahn, Geschäftsführer DVT, Bonn
Publiziert in: Kraftfutter/FeedMagazine 7-8/2010

Nach Vorlage des ersten Entwurfs der neuen EU-Kennzeichnungs- und Verkehrsverordnung Anfang 2008 war in der Wirtschaft einerseits die Enttäuschung groß, dass kein radikalerer Schnitt in der Regulierung des Futtermittelmarktes und der Kennzeichnung erfolgen sollte. Andererseits standen all die Bedenken, die vor allem eine Einschränkung nationaler Souveränität und Behördenkompetenzen und fehlenden Sachverstand auf der EU-Seite beklagten. Jetzt, zweieinhalb Jahres später und kurz vor dem endgültigen Inkrafttreten der neuen Vorschriften, haben sich auf allen Seiten die Wogen etwas geglättet und die Emotionalität ist der mehr oder weniger nüchternen Fachanalyse gewichen. Es stellt sich heraus, dass es gar nicht so große Umwälzungen geben wird, wie sie befürchtet wurden, und umgekehrt, dass an vielen Punkten mit der neuen Verordnung auch neue Freiheiten für die bewusste Weitergabe von Informationen über Futtermittel und das Weglassen über Jahrzehnte ungeliebter Elemente gibt. Alles in allem scheint ein für Brüsseler Verhältnisse ordentlicher Kompromiss entstanden zu sein. Wenn da nicht, ja … wenn da nicht die Notwendigkeit bestünde, dennoch umzudenken. Eine nicht leicht zu meisternde Herausforderung ist ohnehin allein schon die Tatsache, dass das neue EU-Kennzeichnungsrecht für Futtermittel direkt in Brüssel entwickelt wurde und wird. Die Umsetzung erfolgt – zumindest in Deutschland – bis auf Weiteres durch die Bundesländer. Dort werden die Futtermittelkontrolle und damit die praktische Umsetzung der Brüsseler Vorschriften auch künftig ausgeübt. Immer stärker und immer häufiger stellt sich heraus, dass das heute noch erkennbare, relativ starre Gefüge des Futtermittelrechts zwar gut zu den Herausforderungen klein strukturierter Tierhaltung, semiprofessioneller Tierhalter und unaufgeklärter Verbraucher passte und so manche Bewährungsprobe bestanden hat. Inzwischen aber erscheint die starre Futtermitteldefinition an die heute erforderlichen, flexiblen und unideologischen Betrachtungen nicht angepasst. Tierernährung – wissenschaftlich und praktisch betrachtet – hat sich in den vergangenen Jahren enorm gewandelt. Einmal als „richtig“ erkannte Lehren stehen heute nicht mehr allein als richtig da. Entscheidend ist die Frage, welche Fütterung, welche praktische Futtersystemgestaltung, welche stoffliche Wirkung in der jeweils gegebenen Situation bei welcher Nutztierart welchen Effekt erzielen oder unterdrücken kann, welche Kombination das effizienteste Ergebnis erzielt. Welche gerade erst erforschten Wirkungen von Pflanzen und anderen, verarbeiteten Futtermitteln können welchen Effekt beim Tier erzielen? All das ist nicht mehr in die klassische Schablone von Futtermitteln, Zusatzstoffen und Pharmazeutika zu pressen. Die Übergänge sind fließend und werden wohl nie mehr an geraden, am Schreibtisch gezogenen „Grenzen“ sortiert werden können. Grenzen haben Spaltung als Ziel – wir sollten aber das Ziel haben, zusammenzuführen. Umdenken ist bei all den spannenden Vorgängen in unserer Branche mehr als erwünscht und notwendig. Früher war es die Auseinandersetzung um Inhaltsstoff- oder Komponentendenken, später die um prozentuale Gemengteildeklaration oder ausschließliche Angabe der Inhaltsstoffe – keine dieser längst hinter uns liegenden Fragen wurde eindeutig mit weiß oder schwarz beantwortet. Genau das Gleiche wird sich letztlich für die Unterscheidung von Futtermitteln, Zusatzstoffen und Arzneimitteln herausstellen. Futtermittel können mehr, als Energie und Protein zu liefern! Sie besitzen ohne Frage Einfluss auf den intermediären Stoffwechsel durch physiologische Funktion und metabolische Wirkung. Dies ist niemals alleine Arzneimitteln vorbehalten, wie dies falsch verstandene Definitionen des EU-Rechts Glauben machen wollen. Diese Wirkungen zu erzielen ist ureigenste Aufgabe der Tierernährung durch Futtermittel.Es sollte erkannt werden, dass sich im Schatten der neuen Kennzeichnungs- und Verkehrsregeln für Futtermittel in der EU eine ganz andere, wichtigere Frage entwickelt hat: Es geht letztlich um die Abgrenzung des Arbeitsgebietes Tierernährung. Hier stehen europäische und nationale Politik und Verwaltung, aber eben auch die Wirtschaft in der Verantwortung, richtige, richtungsweisende Entscheidungen zu treffen. Dies kann nur im kritischen Dialog geschehen und setzt die Bereitschaft voraus, bestehende Grenzen zwischen Produktgruppen in Frage zu stellen, zu verändern oder sogar ganz aufzugeben. Kritischer Dialog setzt dabei eine Beteiligung aller Gruppen an der Diskussion auf Augenhöhe voraus und sollte bei den wissenschaftlichen Grundlagen beginnen. Denen haben sich die rechtlichen Definitionen anzupassen – keinesfalls umgekehrt.

 
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