Pokern, Plappern, Positionen

16.12.2013

Dr. Hermann-Josef Baaken, DVT, Bonn
Publiziert in: Kraftfutter/FeedMagazine 11-12/2013


Jetzt ist es amtlich: Die große Koalition hat in ihrem 185 Seiten langen Papier bescheinigt, dass sie den Weg des geringsten Widerstandes geht, damit sie überhaupt anfangen kann zu regieren. Nach zermürbender Zeit der Verhandlung waren schließlich alle froh, dass endlich was zu Papier gebracht wurde. Die Gerüchte über das Pokern zu Einzelthemen ließen den Adrenalinspiegel immer wieder in die Höhe schnellen. Da ist es geradezu erleichternd, wenn die eigene Branche im Koalitionsvertrag unerwähnt bleibt. Kein Land in Europa macht so umfangreiche Koalitionsverhandlungen wie die Deutschen. Es mag eine Erfahrung der Geschichte sein, dass klare Vereinbarungen die Stabilität einer Regierung für vier Jahre stärken. Für einige Arbeitsgebiete mag das gelten. Für die Land- und Ernährungswirtschaft definitiv nicht.

Viele wichtige Fragen bleiben weiter offen. Die Futtermittel-, ja sogar die Agrarbranche ist einfach zu klein und steht im Schatten anderer Themen. Was tun? Wir müssen unser Schicksal selbst in die Hand nehmen. So hat es der mittelständische Unternehmer schon immer getan und so sollte es auch jetzt wieder sein. Zu allererst ist es eine wichtige Aufgabe in den kommenden Jahren, stärker denn je die Leistungen der Futtermittelbranche in der Ernährungswirtschaft herauszustellen. Bei aller Kritik an Ereignissen in der Vergangenheit: Die Futtermittelqualität und damit die Lebensmittelsicherheit sind besser als je zuvor. Das müssen die handelnden Personen verstehen lernen und wir dürfen uns nicht von einseitig argumentierenden Miesmachern schlecht reden lassen.

Die Verhältnismäßigkeit ist offenbar bei einigen aus dem Ruder geraten und bedarf der Korrektur, so auch bei den ständigen anlassbezogenen und kostenintensiven Kontrollen oder drastisch erhöhten Bußgeldern. Das wusste schon Hänschen in der Schule: Strafen führen selten zur Besserung, eher Kooperation und Erkenntnis durch aktives Handeln. Sicher begründet eine Behörde ihr Handeln mit der Rechtslage – aber genau diese muss eben der Wirklichkeit angepasst werden.

Das schlechte Image und die pauschale Verurteilung einer Branche scheint ja sogar bis in die Gerichte vorgedrungen zu sein, wenn man die jüngsten Urteile über die verschuldensunabhängige Haftung entsprechend interpretiert. Gleiches gilt für eine einseitige Pflichthaftpflichtversicherung für Mischfutterhersteller. Sie ist ein typisches Beispiel für opportunistische Politik, der durch mutige Gegenwehr Einhalt geboten werden muss. Es gibt also viel zu tun im neuen Jahr. Dabei kann eine juristische Auseinandersetzung wirklich niemandem Freude bereiten. Wichtiger ist es, die positiven Leistungen darzustellen und anzuerkennen: eine Branche, die geprägt von mittelständischen Unternehmern über viele Generationen einen wichtigen Beitrag für die Ernährungswirtschaft erbringt und ein Beispiel für nachhaltiges Wirtschaften ist.

Entscheidend ist aber, ob die Ernährungswirtschaft mit einer Stimme spricht und sich nicht bei erstbester Gelegenheit durch Einzelpositionen gegenüber Dritten profiliert. Das Zauberwort heißt „Branchenkommunikation“. Ein positives Beispiel ist der Grain Club, die Allianz von Verbänden der Lebens- und Futtermittelwirtschaft. Die Mitglieder repräsentieren die verschiedenen Stufen der Getreide-, Futtermittel- und Ölsaatenwirtschaft und sind in der Wertschöpfungskette in den vor- und nachgelagerten Bereichen der Landwirtschaft tätig.

Auch die Bauern – also unsere Kunden – sind Teil dieses Konsortiums, ob sie nun wollen oder nicht, denn zum Schluss geht es um die gleiche Sache. Jetzt müssen auf die Lippenbekenntnisse Taten folgen. Egal, wer den ersten Schritt macht, Hauptsache es geht los.

 
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