Konzeptfrei

15.12.2017

Dr. Hermann-Josef Baaken, DVT Bonn
Publiziert in: Kraftfutter/FeedMagazine 11-12/2017

Die spinnen, die Römer. So heißt es in der Lektüre von Asterix und Obelix, die unterhaltsam den Versuch der Eroberung von Gallien durch die Römer beschreibt. Dabei geht es um ein unbeugsames Dorf, in dem sich die Bewohner gegen die Fremdlinge wehren und besondere Methoden haben, um die Okkupation erfolgreich zu verhindern. Die Römer der Gegenwart könnten die Österreicher und Schweizer sein. Sie glauben, im modernen Europa des 21. Jahrhunderts bei Lebensmitteln die Rückkehr zur Natur der christlichen Frühzeit beschließen zu können. Alles, was irgendwie nach fremden Stoffen klingt, wird kurzerhand verboten und ausgelistet. GVO – weg damit. Palmöl – Gift. Glyphosat – gefährlich. Rohstoffe – bitte nur heimisch. Ganz einfach: Wie das auf Dauer funktionieren soll, wird der Markt schon richten. Die Nachbarn in Bayern reiben sich die Augen und machen es den Alpenfreaks unbedacht nach. Angesichts der überregional agierenden Firmen dauert es nicht lange, bis sich das Thema bis zur dänischen Grenze verbreitet hat. Keine Woche vergeht, in der nicht irgendeine Molkerei ihre Lieferbedingungen ändert und gleich mal Restriktionen ergänzt, ohne sich ernsthaft über die Folgen Gedanken gemacht zu haben.

Mehr und mehr reagieren die Beteiligten in der Lebensmittelkette reflexartig auf Behauptungen der Medien oder Umweltorganisationen und wollen sich als Saubermänner profilieren. Von Sekundärstandards ist die Rede, und niemand widerspricht. Das ist konzeptionslos und Greenwashing, weil dahinter keine seriöse Bewertung steckt. Die Futtermittelwirtschaft antwortet „kundenorientiert" und liefert. Doch wer in aller Welt hat einmal konsequent durchgerechnet, ob die Auslistung eines Rohstoffs den Prinzipien der Nachhaltigkeit gerecht wird, also wirtschaftlich UND ökologisch sinnvoll ist? Gerade Firmen, die sich in besonderer Weise dieser Systematik stellen, müssten eigentlich mit mehr Konsequenz darauf bestehen, vor einer Auslistung von Produkten zunächst deren ökologischen Fußabdruck zu ermitteln. Dazu läuft beim europäischen Verband der Mischfutterhersteller seit vier Jahren ein umfangreiches Projekt, das zu Beginn des Jahres 2018 abgeschlossen ist und eine Hilfestellung leisten soll. Endlich wird es eine einheitliche Bewertung von Futtermitteln und anderen Produkten des öffentlichen Lebens geben, die nach einheitlichen Kriterien bewertet werden.

Ich kann mir vorstellen, dass einigen Umweltorganisationen diese objektive Analyse nicht passt, weil man dann nicht mehr pauschal einen Rohstoff verunglimpfen kann. Denn wer einen Rohstoff verdammt, muss sich auch gleich fragen, ob die Alternative besser oder schlechter ist. Und wenn man bedenkt, welche Fortschritte sich in den letzten Jahren in Brasilien durch den Druck aus Europa und letztlich durch die eigene Einsicht ergeben haben, zeigt dies den Erfolg der europäischen Nachhaltigkeitspolitik. Die Waldrodung ist seit dem Soja-Moratorium drastisch zurückgegangen. Es gibt keinen Grund mehr, das Sojaschrot aus Brasilien zu kriminalisieren. Natürlich ist der Feind des Guten das Bessere. Deshalb müssen die Bemühungen zur Verbesserung der Landnutzung weiter fortgesetzt werden. Die Futtermittelwirtschaft hat ganz andere Herausforderungen als vor 100, 50 oder 10 Jahren. Futtermittelsicherheit und Verantwortung für die Herkunft der Rohstoffe sind die Themen der Gegenwart. Niemand kann sich auf den Erfolgen ausruhen. Es wird immer wieder Römer geben, die mit Fahnen durch das Land ziehen und mit neuen Ideen versuchen wollen, die Menschen hinter sich zu bringen.

Manchmal wünsche ich mir den Zaubertrank, um den irren Vorstellungen schlagkräftig etwas entgegen zu setzen. Wenn der Zaubertrank allerdings die Klugheit der Menschen verbessern würde, wäre das noch besser. Prost Neujahr.

 
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