Eine Frage der Marktwirtschaft

15.10.2014

Dr. Hermann-Josef Baaken, Deutscher Verband Tiernahrung, Bonn
Publiziert in: Kraftfutter/FeedMagazine 9-10/2014

Drei Buchstaben: G-V-O. Gentechnisch veränderter Organismus. Klingt gefährlich und ist ein Klassiker zur Massenmobilisierung, zumindest wenn es um Lebensmittel geht. In den vergangenen Monaten hat sich die Futtermittelwirtschaft intensiv damit beschäftigt. Klar ist, dass die Eiweißversorgung ohne importiertes Sojaschrot nicht möglich ist, aber in der öffentlichen Diskussion überbewertet wird. Nachdem die Geflügelwirtschaft den Ausstieg aus ihrer Zusage GVO-freier Fütterung bekannt gab und die Gründe offen und ehrlich darlegte, empörten sich diverse „Betroffene“. Wären sie doch standhaft gegenüber den reflexartigen Aktionen der NGO geblieben.

Wenn jemand aus einem hart umkämpften Markt aussteigt, wittern Wettbewerber sofort ein Geschäft und erklären bereitwillig, die Lücke schließen zu können. Natürlich ist das möglich, wenn man mit Profis spricht. Aber eben nicht flächendeckend. Die Futtermittelwirtschaft hat sich schon immer auf die Kundenwünsche eingestellt. Dazu gehört aber auch die Ehrlichkeit, was geht und was nicht. Für die Lebensmittelwirtschaft ist diese Haltung nicht nachzuvollziehen. Die marktmächtigen Konzerne würden gerne auf GVO als Marketinginstrument verzichten und nur noch GVO-freie Ware ins Regal stellen. Doch so einfach ist das nicht. Gut, dass sich die Vertreter der Branche eindeutig geäußert und damit den Fantasien einen Riegel vorgeschoben haben.

Freiwillige Initiativen zur Verwendung „gentechnikfreier“ Futtermittel im Rahmen von Einzelvereinbarungen sind gut und richtig, vorausgesetzt sie sind praktikabel und im Rahmen des geltenden Rechtsrahmens umsetzbar. Es soll auch niemand behaupten, die Futterwirtschaft würde sich generell gegen GVO-freie Fütterung aussprechen. Im Gegenteil: Viele Unternehmen arbeiten in Forschungsprojekten zu Alternativen mit. Wie so oft treiben die Entwicklungen dann ihre Blüten. Selbsternannte Heilsbringer versprechen das Blaue vom Himmel. Scharlatane verbreiten Angst mit längst widerlegten Argumenten zur Gesundheitsgefährdung. Gott sei Dank haben sie es aber mit Profis zu tun, die ihr Geschäft verstehen. Und eines haben wir bei dieser Gelegenheit wieder festgestellt: Die Politiker halten sich raus. Das Thema könnte Wählerstimmen kosten. In Deutschland hat man sich weitgehend der bayerischen Ethik angeschlossen, was auch für die Brüsseler Administration zu erwarten ist.

Dennoch bleibt es dabei: Es kann keine branchenweiten Vereinbarungen geben, mit der sich alle Beteiligten in der Lebensmittelkette zur „gentechnikfreien“ Fütterung verpflichten sollen. Der Grundsatz der Wahlfreiheit muss sowohl auf der Nachfrage- als auch auf der Angebotsseite gelten. Dies umfasst auch das Recht der landwirtschaftlichen Erzeuger auf freie Wahl der Produktionsmittel. Wir leben in der sozialen Marktwirtschaft! Und die Moral von der Geschicht’: Trau dich die Wahrheit zu sagen, auch wenn sie unangenehm ist.

 
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