Schlicht unfassbar!

15.04.2013

Peter Radewahn, Geschäftsführer DVT, Bonn Publiziert in: Kraftfutter/FeedMagazine 3-4/2013

Es ist schlicht unfassbar, dass die Futtermittelbranche gerade einmal zwei Jahre nach einer schweren Krise wegen des Giftstoffes Dioxin erneut in die öffentliche und politische Kritik gerät. Diesmal ist es Aflatoxin und diesmal ist der Auslöser erneut ein einzelnes Unternehmen, das zu den Zulieferern der nationalen oder internationalen Szene gehört. Und es ist erneut das alte Schema der politischen Reaktion, die gesamte Branche völlig unsachgemäß aber medienwirksam der absichtlichen Vermischung, des viel zu billigen Einkaufs von Rohstoffen und anderer „wohlfeiler“ Vergehen zu bezichtigen. Wenn hier absichtlich – das heißt gemeinhin mit Vorsatz – aflatoxinhaltiger Mais in Mischfutter und womöglich in Einzelpartien an Landwirte in den Verkehr gebracht wurde, dann muss dieser Vorwurf einer Straftat sehr genau differenziert und auf bestimmte Unternehmen in der Kette zugespitzt werden. Ein pauschaler Vorwurf dieser Dimension gegen die gesamte Futterwirtschaft ist und bleibt falsch und steht keinem Politiker zu – auch nicht im Wahlkampf!

Ob und bei wem im vorliegenden Aflatoxin-Fall allerdings schon früh Kenntnis über die sehr hohe Belastung von Maispartien aus Südosteuropa vorlag, werden auch in diesem Fall die Staatsanwaltschaft und die Überwachungsbehörde zu klären haben. Es gleicht allerdings einem Treppenwitz der Qualitätssicherungsgeschichte, wenn eine große europäische Zertifizierungsorganisation dem Hauptimporteur fehlerfreies Agieren bescheinigt. Alles in Ordnung? Keine Beanstandung? Die Warnung des Bundesministeriums vor der drohenden Gefahr ging per E-Mail nicht nur an die Verbände der Futtermittelwirtschaft, sondern direkt auch an eben diesen Importeur. Vom eigenen Ministerium und der Öffentlichkeit wieder einmal wenig beachtet blieb und bleibt die fachliche Beurteilung der Lage durch das Bundesinstitut für Risikobeurteilung. So richtig und erneut überzeugend sein Präsident Professor Hensel auch argumentierte, so wenig kann die unsensationelle Nachricht doch bei Presse und Politik verfangen. Andere benutzten den Fall nur allzu gerne, um von Problemen bei einigen Bioprodukten und -produzenten abzulenken. Das war schon bei Dioxin genauso.

Die gesamte Futtermittelbranche wird sehr lange brauchen, um das durch Einzelne verlorene Vertrauen in der Öffentlichkeit und bei Behörden wieder zu gewinnen. Mit sektoralen, staatlichen Allgemeinverfügungen, die unmittelbar in die Entscheidungshoheit der Unternehmer eingreifen, kommt das letzte Mittel der Behörden nun zur Anwendung, bevor den Unternehmen und den Unternehmern die Verantwortung gänzlich genommen und die Verantwortungsfähigkeit abgesprochen wird. Die behördliche Schließung von Unternehmen in der Kette wäre dann unvermeidlich. Die Branche hat in allen ihren Ebenen Grund daran zu arbeiten, dass dies nicht zur Anwendung kommen wird. Dies gilt auch und gerade für all die Propheten der alten Commodity-Mentalität, die weltweit Ware allenfalls nach ihrer Bezeichnung sammelt und transportiert, ohne wirklich nach Unterschieden in Herkunft und Qualität zu fragen. Dies wird sich nun ändern! Die Einkaufsbedingungen für Rohwaren werden künftig von den Abnehmern und verantwortungsbewussten Händlern geschrieben und nicht von den „Verkäufern“. Für Eitelkeit, alte Traditionen und das berühmte „Das geht nicht.“ ist hier kein Platz mehr. Alles andere wäre wirklich schlicht unfassbar!

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