Druck auf Hollands Futtermittelindustrie

15.04.2010

Henk Flipsen, Geschäftsführer Nevedi, Niederlande
Publiziert in: Kraftfutter/FeedMagazine 3-4/2010

Die Niederländische Vereinigung der Futtermittelindustrie (Nevedi) vertritt als Branchenorganisation die Interessen von etwa 115 Betrieben, die Mischfutter, Milch- und Molkepulver oder Premixe produzieren oder feuchte Futtermittel an die niederländischen Viehhalter ausliefern. Der Gesamtumsatz dieser Betriebe beträgt rund 4 Mrd. Euro und die Branche beschäftigt etwa 6.000 Menschen. Die niederländische Futtermittelindustrie arbeitet in der stark besiedelten Region Nordwest-Europas. Das wird an mehreren Merkmalen der Arbeitsweise der Futtermittelindustrie erkennbar und beeinflusst demzufolge auch die Arbeit von Nevedi. In verwaltungspolitischer Hinsicht sind die Meinungen verschiedener berufsständischer Organisationen in der öffentlichen Debatte über ökologische Kreisläufe, biologischen Landbau, Lebensmittelversorgung, Tierschutz und anderes bestimmend. Die Futtermittelindustrie ist aktiv in den Dialog über diese Themengebiete mit berufständischen Organisationen, aber auch mit Natur- und Umweltorganisationen eingebunden.

Es gibt viele Richtlinien und Normen, um den verfügbaren geografischen Raum zu verteilen und einzuteilen. Es bleibt kein Quadratmeter ungenutzt. Aus historischen Gründen haben viele Futtermittelproduzenten ihre ursprünglichen Betriebsgebäude am Rande oder sogar im Zentrum von Wohngebieten. Im abgelaufenen Jahrzehnt hat sich dies sehr verändert und viele Betriebe wurden in Gewerbegebiete umgesiedelt. Um Entwicklungsperspektiven zu sichern, sind in zunehmendem Maße Absprachen mit Anwohnern und Kommunalverwaltungen notwendig. Die Unternehmen führen selbst Gespräche mit lokalen, provinzialen oder nationalen Behörden. Nevedi versucht die Gespräche zu erleichtern.
Die niederländischen Arbeitnehmer sind gut ausgebildet. Die Familien mit arbeitenden Eltern sind relativ klein und die Bevölkerung überaltert. Diese Voraussetzungen bedeuten, dass sich die Futtermittelindustrie Sorgen darum machen muss, wie sie künftig Arbeitskräfte anziehen kann. Daher ist das Schaffen von modernen Arbeitsbedingungen von großer Wichtigkeit. Nevedi vertritt die Arbeitgeber bei den Tarifverhandlungen für die Getreidebe- und verarbeitende Industrie und arbeitet Bedingungen für den Pensionsfonds der Müller aus.

Futter muss sicher sein. Das ist international gesetzlich geregelt. Des Weiteren wird dies durch Qualitätssysteme wie GMP+ international oder QS abgesichert. Natürlich haben die Unternehmen selbst die Verantwortung dafür, Sicherheitsrisiken auf ein Minimum zu reduzieren. Klare Kommunikationsprotokolle zwischen Betrieben müssen Risiken in einem frühen Stadium aufspüren und dafür Sorge tragen, dass Konsumenten nicht geschädigt werden. Nevedi unterhält Kontakte und erleichtert Prozesse, die die gute Kommunikation zwischen Marktpartnern fördern. Auch haben die Kontakte zu den verantwortlichen Verwaltungsorganen wie die Futtermittel- und Gewebeaufsicht hohe Priorität.

Die Verwendung von Antibiotika in der niederländischen Viehhaltung führte zu sehr strengen Regeln, um die Verwendung von Medizinalfutter zurückzudrängen. Die niederländische Regierung arbeitet zusammen mit der Branche und verschiedenen Interessenvertretungen an der Verminderung der Resistenzbildung gegen Antibiotika, die auch in der Humanmedizin verwendet werden. Ein bekanntes Beispiel sind die MRSA-Bakterien. Nevedi ist Mitunterzeichner der „Übereinkunft Antibiotikaresistenz“ des Ministeriums für Landwirtschaft, Naturschutz und Verbraucher und trägt dazu bei, Resistenzbildung zu vermeiden. So vertritt Nevedi die Meinung, dass bis 2012 die Produktion von Medizinalfutter auslaufen muss.

Fragen bezüglich Mineralkreisläufen, Biokraftstoffen, nachhaltige Produktion/Waldrodung und Fleischkonsum stellen die Rohstoffversorgung der niederländischen Futtermittelindustrie unter Druck. Dies wird auch dadurch deutlich, dass die niederländische Futtermittelindustrie rund die Hälfte ihrer Rohstoffe aus der Lebensmittelindustrie bezieht und dadurch zu einem großen Ökosystem beiträgt. Dies macht die tatsächlichen Gegebenheiten aber nicht weniger besorgniserregend. Häufig gestellte Fragen betreffen den Tierschutz, Ernährungsrichtlinien, Verbraucherverhalten, aber auch die Gesetzgebung. Tiermehl ist ein Beispiel dafür. Nevedi will dazu beitragen, dass sorgfältig und nachhaltig produzierte Rohstoffe den Mitgliedern für hochwertige Qualitätsprodukte für die Viehhaltung zur Verfügung stehen. Nevedi ist Teilnehmer des weltweiten runden Tisches über verantwortliche Sojaproduktion (RTRS).
Die Futtermittelindustrie hat sich vertraglich gegenüber der Öffentlichkeit zur „Sauberen und sparsamen Agrarproduktion“ verpflichtet, verbunden mit der Auflage, den Ausstoß von Treibhausgasen zu vermindern und Energie effizienter zu nutzen. Über Untersuchungen zur Verminderung der Methanemission bei Milchvieh und die Mitarbeit an einem anerkannten und kontrollierbaren System für den Carbon-Fußabdruck in der Agrarkette trägt Nevedi aktiv dazu bei, diese Ziele zu erreichen.

Wie bereites erwähnt, stellen Umgebung, Berufsstand und Gesetzgebung in den zersiedelten Niederlanden hohe Anforderungen an die Futtermittelindustrie. Dies gilt nicht weniger für die primären Viehhaltungssektoren. Es werden ständig Maßnahmen diskutiert, die höhere Kosten mit sich bringen. Es stellt sich die Frage, wie lange die zusätzlichen Kosten durch eine noch höhere Effizienz kompensiert werden können. Bisher muss dies an Stelle der lang ersehnten höheren Preise für tierische Produkte im Lebensmitteleinzelhandel treten. Nevedi führt intensive Diskussionen mit allen tierischen Bereichen, um Standpunkte auszutauschen und einander bei der Suche nach Entwicklungsperspektiven zu unterstützen. Nevedi will dieses Thema kettenumfassend angehen und damit Chancen für eine tierfreundliche und nachhaltige Tierhaltung schaffen, die das dicht besiedelte nordwestliche Europa mit Lebensmitteln versorgt.

Schließlich: Ohne Bauern keine Futtermittelindustrie!

 
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