Lücken, Landlust und Legenden

14.12.2012

Bernhard Krüsken, DVT, Bonn
Publiziert in: Kraftfutter/FeedMagazine 11-12/2012

Die schwindende gesellschaftliche Akzeptanz ist rund um die Tierhaltung und um die tierischen Lebensmittel nicht erst seit 2012 das mediale und politische Schwerpunktthema. Wer als Außenstehender diese Debatte verfolgt, stößt auf einen Teilaspekt, der die Futtermittelbranche direkt betrifft. Das Skandalon heißt „Eiweißlücke“ und bezeichnet den Umstand, dass Europa einige Futtermittelrohstoffe importiert und sie nicht komplett selbst erzeugt. Nun sind solche Lücken in halbwegs entwickelten Volkswirtschaften durchaus an der Tagesordnung:
Deutschland hat auch eine iPhone-Lücke und eine Mineralöl-Lücke. Die Uran-Lücke hat sich bekanntlich erledigt, dafür ist die Kohle-Lücke etwas größer geworden. Eine Getreide-Lücke oder eine Automobil-Lücke hat Deutschland nicht, die haben dann beispielsweise Luxemburg oder Nordafrika. Prekär ist die Situation auch bei Bananen, Ananas und Paprika. Glücklicherweise ist es nicht so schlimm wie in Grönland, wo die Bananenlücke besonders groß ist und der verantwortungslose einheimische Konsum solcher Produkte eine große moralische Mitschuld an den skandalösen Produktionsbedingungen in den Bananenplantagen, am Pestizideinsatz, an den sozialen Verhältnissen und an der ungerechten Landbesitzverteilung in den Erzeugerländern hat. Schande über Grönland?

Die Psychologie dieser Diskussion ist nicht leicht zu greifen, wenn nicht nur mit rationalen Argumenten gearbeitet und mit unterschiedlichem Maß gemessen wird. Es ist (leider nur) Insiderwissen, dass die Futtergrundlage der Tierhaltung in Deutschland zum größten Teil regional und europäisch ist. Die vieldiskutierten Landnutzungsänderungen und Regenwaldrodungen in Südamerika sind maßgeblich von der wirtschaftlichen und sozialen Dynamik eines Schwellenlandes und vor allem von vielen Einflussfaktoren getrieben. Eine auf die europäische Fleischerzeugung und deren Sojaverbrauch zugespitzte Schuldzuweisung entpuppt sich bei näherem Hinsehen in weiten Teilen als Demagogie, aus Sicht einiger Akteure als durchaus nützliche. Den Gedanken, möglichst alles auf eigener Scholle zu erzeugen, mag man aus volkswirtschaftlicher Sicht als archaisch empfinden (übrigens auch mit Blick auf die Perspektiven für die Erzeugerländer), aber: Die beschriebene Zuspitzung würde für sich genommen nicht funktionieren. Sie stößt auf eine Grundstimmung und ein Sentiment, das sich sowohl in den Werbemotiven der Ernährungsindustrie als auch in äußerst erfolgreichen Printmedien spiegelt, die beide ein Landleben postulieren, das es so nie gegeben hat. Hat man diese Sehnsucht nach der vorindustriellen Landwirtschaft, dann empfindet man Ressourceneffizienz und das kalte Licht durchorganisierter, rückverfolgbarer und komplexer Prozesse als Vertreibung aus dem Paradies.

Kompliziert wird es, wenn Politik und das Marketing des Lebensmittelhandels dieses Sentiment bedienen wollen und die europäische Selbstversorgung beschwören. Der europäische Anbau von Soja und anderen Leguminosen soll forciert werden, auch wenn sich dabei die Proteinbilanz Europas nicht verbessert bzw. der Flächen„bedarf“ sogar steigt. Die scharfe Flächenkonkurrenz (EEG und Biogasanlagen!) stört in der Argumentation und wird deshalb ignoriert. Es entstehen Legenden wie die vom Donausoja, die den Eindruck erwecken, solche Versprechen künftiger Möglichkeiten seien schon real vorhanden. Vergessen wird, dass die Brücke zwischen den Sehnsüchten und der Realität zu schlagen ist. Es wäre hier einfacher, die Fakten auf den Tisch zu legen und diese besser zu kommunizieren.

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