Gute Zeiten

15.04.2008

Autor: Dr. Jürgen Struck
Publiziert in: Kraftfutter/FeedMagazine 03-04/2008

Mit großer Aufmerksamkeit werden in Europa wie auch in anderen Teilen der Welt die Entwicklungen in Russland und dessen angrenzenden Gebieten verfolgt. Die kürzlich erfolgte Wahl des neuen Präsidenten Dmitri Medwedjew entsprach den Prognosen und lag nach Aussagen von fachkundigen Beobachtern im Interesse des Volkes. Alle Beteiligten haben ein Interesse an stabilen Entwicklungen und diese können auch gewährleistet werden – so ist das Ergebnis zu interpretieren.
In wirtschaftlicher Hinsicht hat sich in Russland in der jüngeren Vergangenheit viel bewegt, aber noch viel mehr bleibt zu tun.

Russlands wirtschaftliches Glück ist zugleich seine große Herausforderung: die Abhängigkeit vom Ölpreis. Russland ist in der Lage dem Weltmarkt umfassende Naturschätze zu bieten. Aber dies wird nicht ausreichen. Von offiziellen Stellen wurde immer wieder betont, wie wichtig eine gedeihliche Entwicklung des Agrarsektors für das Land sei. Dabei steht die Versorgung mit Lebensmitteln nicht allein im Vordergrund. Vielmehr ist sie Grundlage für weitere Investitionen beispielsweise in die industrielle Verarbeitung von Nahrungsgütern wie auch in der Landwirtschaft vorgelagerten Bereiche des Maschinenbaus und weiterer Vorleistungen.

Mit dem aufgelegten „Nationalen Programm“ unter Aufsicht des neuen Präsidenten Medwedjew will der Staat den Farmen günstige Kredite für moderne Technologien zuweisen. Bis zum Jahr 2012 sind 550 Milliarden Rubel oder umgerechnet etwa 15 Milliarden Euro veranschlagt. Oberstes Ziel muss und wird sein die Produktivität der landwirtschaftlichen Erzeugung in Russland möglichst rasch zu steigern. Dies ist nicht zwangsläufig mit einem Aufbau an Beschäftigung verbunden. Das Gegenteil wird eintreten. Moderne Technik wird die menschliche Arbeitskraft ersetzen.
Nach langen Jahren der Unklarheit zeichnet sich ab, dass kapitalkräftige Investoren Landwirtschaft in großen Einheiten betreiben werden. Große Investitionsanreize ergeben sich aus den aktuellen Entwicklungen, dies bedeutet hohe Rohstoffpreise für Getreide und andere landwirtschaftliche Güter auf dem Weltmarkt. Der Weg zum Aufbau einer leistungsfähigen Landwirtschaft in der Erzeugung pflanzlicher Rohstoffe erscheint damit vorgezeichnet und auch viel versprechend. Ähnlich sehen dies die European Bank for Reconstruction and Development (EBRD) sowie die Food and Agriculture Organisation of the United Nations (FAO) in Rom. Im Frühjahr 2008 plädieren sie für verstärkte Investitionen privater Geldgeber.

Beide Institutionen sind der Ansicht, dass es in der Landwirtschaft des Commonwealth of Independent States (CIS) ein bedeutendes ungenutztes Produktionspotenzial“ gebe. Insbesondere in den Ländern Kasachstan, Russland und Ukraine, wo große Flächen aus der Produktion genommen wurden, könnte die Produktion auf bis zu 13 Millionen Hektar ohne große Schwierigkeiten wieder aufgenommen werden.
Dazu seien Investitionen nicht nur in die Primärproduktion sondern auch in der Infrastruktur notwendig, teilten EBRD und FAO nach Ende einer gemeinsam organisierten Konferenz zu den Möglichkeiten einer besseren Zusammenarbeit zwischen privatem und öffentlichem Sektor im März mit. Der FAO-Generaldirektor Jacques Diouf sprach der CIS für Getreide ein mögliches Produktionswachstum von 7 Prozent auf 159 Millionen Tonnen bis zum Jahr 2016 zu. Ein noch größeres Wachstum sei möglich, wenn die die Produktion behindernden institutionellen und wirtschaftlichen Zwänge überwunden werden. Ein anhaltender Aufbau der Landwirtschaft in der CIS könne der Etablierung der Region als ein wichtiges Zentrum der landwirtschaftlichen Erzeugung dienen. Komplizierter gestalten sich die Verhältnisse beim Aufbau der Erzeugung von Produkten tierischer Herkunft. Zwar kann und wird die Bereitstellung technischer Einrichtungen relativ rasch durch Importgüter erfolgen – auch genetisch hochwertige Tiere zum Aufbau leistungsfähiger Zucht- und Vermehrungspopulationen stehen zur Verfügung. Größere Schwierigkeiten ergeben sich jedoch beim Management der Tierbestände.

Hierbei handelt es sich um anspruchsvolle biologische Systeme, die mit entsprechender Fachkenntnis geführt werden müssen. Aber der Dialog über die Zusammenarbeit zwischen einheimischen und ausländischen Investoren mit den staatlichen Organisationen der CIS-Länder wird verstärkt geführt werden und Gemeinschaftsprojekte werden entstehen. Die Chancen in den der EU benachbarten östlichen Länder sind groß – denn deren Potential wird dringend benötigt. Dies sind gute Zeiten für – umsichtige – Unternehmer.

 
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