Die Deiche entlasten

14.02.2014

Bernd Springer, dfv Mediengruppe, Frankfurt am Main
Publiziert in: Kraftfutter/FeedMagazine 1-2/2014

Alljährlich im Januar zur internationalen Grünen Woche in Berlin blasen Kritiker der modernen Tierproduktion zum Angriff auf die gesamte Branche. Dass dabei unsachlich vorgegangen wird, erstaunt mittlerweile nicht mehr. Der Ablauf ist – unabhängig vom völlig willkürlich gewählten Empörungsthema – jeweils absehbar gleich. Es werden Tatsachen ans Licht gezerrt, die legal sind und keinerlei Gefahr für Mensch, Tier und Umwelt darstellen, aber Empörungspotenzial besitzen, weil sie die richtigen Stichworte (in diesem Jahr Hormone) beinhalten und die Branche gegenüber den empörungsfreudigen Verbrauchern oder zumindest deren Aktivisten als generell unglaubwürdig darstellen. Der Agrarbranche ist es aber trotzdem in diesem Jahr wieder gelungen, interessierte Verbraucher auf dem „ErlebnisBauernhof“ im Rahmen der Grünen Woche an die realen Sachverhalte heranzuführen. Die Plastiksau „Rosalie“ des Deutschen Verbands Tiernahrung (DVT) durfte stellvertretend für ihre leibhaftigen Artgenossen eine Übermenge Pellets verzehren, die ihr auf Grund des menschlichen Fütterungsinstinktes vom Besucherstrom vorgesetzt wurde. Fachliche Gegenargumente müssen leider jedoch in einer Gesellschaft verhallen, in der es als Qualitätsmerkmal eines Energy-Drinks angesehen wird, wenn der null kcal enthält.Steter Tropfen höhlt den Stein, nach diesem Sprichwort versuchen verschiedene Interessengruppen eine wohl ideologisch verbrämte Agrarwende durchzuboxen und ahnen sich auf Grund des späten Erfolgs der Anti-Atomkraft-Bewegung auf dem richtigen Weg. Dass die steten Tropfen von der Agrarwirtschaft fast schon als Flut empfunden werden, ist kein Wunder, weil zunehmend die Legislative ein populistisches Verhalten zeigt, in dem sie die Forderungen der Lautesten in Verordnungen presst statt einen vernünftigen, maßvollen Gesamtrahmen zu setzen.Dabei bekommt man in den vergangenen Tagen jedoch eher das Gefühl, dass die Situation durch eine Schwäche der Judikative verschlimmert wird. So haben die Gerichte jüngst sämtliche Ermittlungen wegen des Dioxinfalls von 2010/11 ohne Ergebnis eingestellt. Und das, obwohl der Fall Anlass weiterer Regeln für die Futtermittelherstellung war, eine Schadenersatzlawine ausgelöst, mindestens eine Firmenpleite zur Folge gehabt und Geschäftsführern von Mischfutterherstellern den Job gekostet hat. Es ist ein öffentliches Interesse an der Aufklärung des Falls vorhanden, auch und gerade weil die Untätigkeit der Strafbehörden Wasser auf die Mühlen derer ist, die die Landwirtschaft und die ihr verbundenen Industrien am liebsten in die Nähe krimineller Organisationen stellen. Der Bauernverband mit seinem Präsidenten Joachim Rukwied erhöht gegen die Kritikflut die Deiche, indem er ankündigt, mit ideologisch handelnden Organisationen nicht mehr sprechen zu wollen. Menschen, die in Flussniederungen leben, wissen: Das Erhöhen von Deichen kann für eine Weile schützen, man muss aber auch wissen, wann und wo ein gezielter Entlastungsstich vorzunehmen ist, damit die Deiche entlastet werden und standhalten können. Der neue Bundesagrarminister Hans-Peter Friedrich zeigte auf der Grünen Woche gute Ansätze, diesen Zusammenhang zu berücksichtigen. So stellte er sich deutlich hinter die Agrarwirtschaft und betonte deren Gewicht für die „Wirtschaft im ländlichen Raum“ und erteilte unbotmäßigen Forderungen der Agrarkritiker eine Absage, kündigte aber auch an, alle Seiten hören zu wollen. Er kann nun zeigen wie ernst es ihm mit der Stärkung der ländlichen Wirtschaft ist, indem er für klare, verlässliche Rahmenbedingungen sorgt.

 
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