Neue Möglichkeiten

13.10.2009

Peter Radewahn, Geschäftsführer DVT Bonn
Publiziert in: Kraftfutter/FeedMagazine 9-10/2009

Moderne Tierernährung befindet sich in einem tief greifenden Wandel. Einerseits spielen – wie erst kürzlich auf Tagungen dargestellt – Erkenntnisse über hoch komplexe Zusammenhänge des Organismus und der Steuerung physiologischer Funktionen eine immer größere Rolle. Ganz sicher stellt es eine enorme Herausforderung dar diese Steuerungsmechanismen näher zu erforschen und aufzuklären. Tiernahrung steuert physiologische Funktionen, von denen wir vor kurzem noch gar nicht wussten, dass es sie überhaupt gibt. Sie liefert eben sehr viel mehr als nur Energie und Protein, um Tiere wachsen zu lassen oder die Milch- und Eierproduktion zu ermöglichen. Wichtig ist dabei die Feststellung, dass Futtermittel wegen der Beeinflussung solcher intermediärer Funktionen rechtlich Futtermittel bleiben und nicht in die Kategorie „Zusatzstoffe“ verschoben werden. Andererseits bewertet auch die moderne Tierernährung Futtermittel heute noch teilweise nach Parametern, die bereits vor 160 Jahren entwickelt wurden, ihre Berechtigung hatten und teilweise noch haben. Gleiches gilt für das Futtermittelrecht wo auch in der neuesten EU-Kennzeichnungsverordnung an der Kennzeichnung von Rohfaser oder Rohprotein als verbindlichem Element festgehalten wird. Gleichwohl wissen wir, dass beispielsweise in der Wiederkäuerfütterung einzelne Faserfraktionen einen deutlich höheren Stellenwert in der Futterbewertung haben und dass in der Schweinefütterung die Versorgung mit praecaecal verdaulichen Aminosäuren das Maß der Dinge in der Proteinbewertung darstellt. Die Gesellschaft für Ernährungsphysiologie hat diesen Zwiespalt offenbar ebenfalls erkannt und stellt Ihre Bewertungssysteme sukzessive auf moderne, trennschärfere Parameter um – ohne dabei die Bedeutung der tradierten Maßstäbe zu vergessen.Die Umstellung erfordert allerdings sehr viel neues Wissen und die Sammlung einer Vielzahl von Daten und Analysen. Sonst könnte der Eindruck entstehen, dass die Wissenschaft neue Bewertungssysteme entwirft, ohne überhaupt die Datengrundlage in ausreichendem Maß zur Verfügung zu haben – der zweite Schritt wäre vor dem ersten getan. Dass dies bislang noch nicht der Fall ist, zeigen erste Berechnungsversuche mit den neuen Bewertungssystemen für Schweine- und Rinderfutter. Dennoch ist noch ein hohes Maß an Datensammlung erforderlich, zu der in ganz entscheidendem Ausmaß Wirtschaft und Untersuchungsanstalten beizutragen haben. Das Instrument für eine wirksame und breite Sammlung neuer Tiernahrungs-Parameter steht bei der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft zur Verfügung. Es sollte dringend genutzt werden!Voraussetzung für die Datenermittlung sind abgesicherte, international gleiche oder vergleichbare Analysenmethoden. Der deutschen Mitarbeit an der Normierung solcher Untersuchungsverfahren kommt eine enorm große Bedeutung für alle Stufen der Kette zu, nachdem sich der Staat – völlig zurecht – aus der Methodenfestlegung zunehmend zurück zieht. Allen voran die Landwirtschaft, aber auch Einzel- und Mischfutterhersteller ebenso wie Zusatzstoff- und Vormischungshersteller müssen die Mitwirkung an der Normungsarbeit als elementares Anliegen begreifen.Gleichzeitig mit dem Rückzug staatlicher Organe aus der aufwändigen Methodenfestlegung und anderen Regelungsbereichen der Tiernahrungswirtschaft wächst aber auch der Anspruch und die Chance für die Wirtschaftsstufen, in Eigenverantwortung die eigenen Belange ohne Staat besser zu regeln. Dies gilt für die Energiebewertung ebenso wie für die Frage einer Typisierung von Futtermitteln. Eine grundlegende Überarbeitung futtermittelrechtlicher Bestimmungen mit dem Ziel bewusster Entschlackung, dem Entfernen ausschließlich tradierter Regelungen und der Berücksichtigung moderner Erkenntnisse vor dem Hintergrund einer neuen Selbständigkeit des Wirtschaftszweiges ist unverzichtbar. Vielleicht bieten sich ab jetzt ganz neue Möglichkeiten!

 
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