Crash Test Dummies...

12.08.2008

Autor: Bernhard Krüsken, Geschäftsführer DVT Bonn
Publiziert in: Kraftfutter/FeedMagazine 7-8/2008

... kennt man nicht nur als kanadische Rockband der frühen 1990er Jahre, sondern als lebensgroße und mit aufwendiger Technik gefüllte Puppen, mit denen die Auswirkungen von Verkehrsunfällen und Zusammenstößen simuliert werden. Sie werden fragen, was das mit der Futter- und Veredlungswirtschaft zu tun hat? Die andauernde Debatte um das Unwort "Nulltoleranz" und ihre Anwendung auf gentechnisch veränderte Futtermittel gibt die Antwort: Unsere Branche hat allen Anlass, das Lebensgefühl dieser Puppen zu teilen. Sie sieht einer - durch politischen Stillstand herbeigeführten und höchstwahrscheinlich schmerzhaften - Kollision zwischen Ideologie und Wirklichkeit entgegen.
 
Seit geraumer Zeit sehen wir ein Szenario auf uns zurollen, das sich an die gentechnisch veränderten Sojabohnen der zweiten Generation knüpft, die ab 2009 in den Anbau gehen sollen. Bekanntlich fehlt die europäische Zulassung für diese Sorten, weil das Verfahren aufgrund massiver politischer Vorbehalte verzögert wird. Selbst wenn die neuen Sorten in den Anbauregionen gezielt kanalisiert werden, können Spurenvermischungen nicht ausgeschlossen werden. Wenn die bisher geltende "Nulltoleranz" aufrecht erhalten wird, wird das wirtschaftliche Risiko der Zurückweisung oder Vernichtung ganzer Schiffsladungen dazu führen, dass die Soja-Importe aus den betroffenen Anbauländern zum großen Teil wegfallen. Aus der absehbaren Angebotsverknappung werden Versorgungsengpässe und Kostensteigerungen resultieren, speziell bei Soja, auf das Europa zur Eiweißversorgung der Schweine- und Geflügelbestände angewiesen ist.
 
Eine Regelung für einen praxisgerechten Umgang mit solchen Spuren von noch nicht in der Gemeinschaft zugelassenen, aber bereits sicherheitsbewerteten gentechnisch veränderten Sorten ist mehr als überfällig. Das Dilemma wird seit fast zwei Jahren vom DVT und anderen Verbänden der Agrar- und Ernährungswirtschaft zum Thema gemacht. Es ist nicht nur der Politik hinlänglich bekannt, sondern auch mit der Expertise der EU-Kommission in seinen wirtschaftlichen Auswirkungen detailliert beschrieben. Um so unverständlicher ist das zögerliche Agieren und Taktieren der Beteiligten. Derzeit wird zwar überall über die Einführung einer Toleranz gesprochen und geschrieben. EU-Kommission und Mitgliedstaaten arbeiten aber im Moment nur an technischen Regelungen für Untersuchungsmethoden; die "Nulltoleranz" soll demnach im Grundsatz unangetastet bleiben. Selbst dieser bescheidene Ansatz - der das Problem absehbar nicht löst - verzögert sich von Monat zu Monat, obwohl der Handlungsbedarf täglich größer wird.
 
Es stimmt besorgt und nachdenklich, dass die Politik die Fähigkeit oder den Willen verloren hat, die Dinge differenziert zu betrachten. Fragen der Produktsicherheit oder des vorsorgenden Verbraucherschutzes lassen sich hier nicht anführen; diese sind mit der Sicherheitsbewertung abgedeckt. Es geht hier nur um den Einsatz von GVO-Verarbeitungserzeugnissen in der Fütterung, nicht um GVO-Freisetzung oder -Anbau. Es geht nur darum, den Realitäten im Handel und in der Logistik Rechnung zu tragen, nicht darum, gentechnisch veränderten Sorten ohne Zulassung oder ohne jedwede Prüfung eine Hintertür nach Europa zu öffnen. Es geht ebenfalls nicht darum, die Biotechnologie unbemerkt und überall einzuschleusen. Die Kennzeichnung dieser Produkte sollte Transparenz sicherstellen. Der gesundheitliche Verbraucherschutz steht offensichtlich nicht in Frage. Die Politik hat zudem nach eigener Einschätzung dem Verbraucher Wahlfreiheit in Punkto Gentechnik gesichert.
 
Was bleibt dann noch außer der Einsicht, dass ganze Branchen und Produktionsketten mit ihrer wirtschaftlichen Basis, ihrer Wertschöpfung und ihrer Beschäftigung "öffentlichen" Prioritätenlisten sowie Stimmungen und Stimmungsmache gegenüber als vernachlässigbar eingestuft werden? Die Antwort bezüglich des Verhältnisses zwischen Politik und Verantwortung mag der geneigte Leser selbst finden. Für die Branche selbst liegt eine Antwort sicherlich darin, ihre Anliegen breiter, geschlossener und mit größerer Zuspitzung zu transportieren.

 
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