Virtuelle Realität

12.02.2008

Autor: Dr. Heinz Roling, DVT-Präsident
Publiziert in: Kraftfutter/FeedMagazine 1-2/2008

„Ohne Gentechnik“ für Milch, Fleisch und Eier – dieses politische Versprechen wird in diesen Tagen von der Bundesregierung scheinbar eingelöst. Das auf den Weg gebrachte Gesetzespaket zum Gentechnikrecht macht diese Auslobung nun für tierische Lebensmittel möglich und beschränkt die Wahrnehmung von Gentechnik auf einige Futtermittelrohstoffe. Die Ausgestaltung der Regelung spiegelt gleichzeitig die Widersprüchlichkeit und Zerrissenheit der öffentlichen Gentechnik-Debatte wider. Bei genauer Betrachtung der Anforderungen, die für das Etikett „ohne Gentechnik“ zu erfüllen sind, muss man sich eingestehen, dass es allenfalls die Bezeichnung „gentechnikarm“ rechtfertigen würde. Dem Verdacht, dass Missverständnisse und Illusionen beim Verbraucher gezielt und billigend in Kauf genommen werden, ist schwierig auszuweichen. Virtuelle Realität auf dem Lebensmitteletikett – ist diese Form der Verbraucherkommunikation das politische Leitbild der Zukunft? Die stereotype, wenn auch etwas zynische Antwort heißt: Der Markt wird es schon richten. Die nächsten Monate werden zeigen, ob die sehr begrenzten Mengen an nicht (als GVO) kennzeichnungspflichtigen Futtermitteln für ein „ohne Gentechnik“ - Segment in den Regalen des Lebensmittelhandels ausreichen und ob der geschätzte Verbraucher damit für höhere Preise zu begeistern ist. Wie diese Entwicklung ausgeht, hat nicht zuletzt mit Verantwortung und Verantwortungsbewusstsein der Beteiligten zu tun. Wollen Ernährungsindustrie und Lebensmittelhandel den „schnellen Kick“ und nur irgendwie „ohne Gentechnik“ ausloben, um den Übergriffen und Meinungsdiktaten einiger NGO für ein paar Wochen zu entkommen? Die Versuchung zur kreativen Auslobung könnte sehr groß werden, zumal eine Überprüfung nicht am Produkt, sondern nur in langwierigen stufenübergreifenden Dokumenten- und Rückverfolgbarkeitsprüfungen möglich ist (Der Kontrollnotstand ist zwar absehbar, aber ein Problem der Bundesländer). Oder bleibt man dem ehrlichen Eingeständnis verpflichtet, dass „ohne Gentechnik“ auf absehbare Zeit keine flächendeckende Option ist und kurzfristig nur Marktnischen bedient werden können? Hier darf auch die Futterwirtschaft im eigenen Interesse keine Zusagen abgeben, die beim näheren Hinsehen den geweckten Erwartungen nicht standhalten und die weitreichende und unkalkulierbare Haftungsrisiken bergen.

Der Lärm der Kennzeichnungsdebatte überdeckt ein anderes, weitreichendes und für Futterwirtschaft und Tierhaltung existenzielles Problem. Es ist nicht neu, allen Beteiligten hinlänglich bekannt und nach wie vor ungelöst: Eine praktikable Regelung für den Umgang mit Spurenvermischungen von in der EU nicht zugelassenen gentechnisch veränderten Organismen ist zwar dringend notwendig, aber, wie es so schön heißt, „politisch nicht machbar“. Dass die Belange der Lebens- und Futtermittelsicherheit nicht gefährdet wären, tut der Blockade keinen Abbruch. Das Szenario drastischer Einschnitte bei der Rohstoff- und Proteinversorgung der europäischen Tierhaltung mit gravierenden Folgen für Wettbewerbsposition, Wertschöpfung und Arbeitsplätze in der Erzeugungs- und Vermarktungskette von tierischen Lebensmitteln wird durch diesen Stillstand nahezu unausweichlich. Auch das mit der neuen Kennzeichnungsregelung zu fördernde Marktsegment der nicht kennzeichnungspflichtigen Produkte wird von der jetzigen Nulltoleranzregelung in Frage gestellt – genauso wie die übrigen „gentechnikfreien“ Produktbereiche. Nicht zugelassene gentechnisch veränderte Sojasorten werden trotzdem ihren Weg zum europäischen Verbraucher finden – nur eben in Form von brasilianischem Hähnchenfleisch. Keine neue Erkenntnis – umso drängender stellt sich die Frage nach Verantwortlichkeit und Verantwortung der Politik, die diese Situation sehenden Auges herbeiführt und in Kauf nimmt, dass ganze Wertschöpfungsbereiche exportiert werden. Im Interesse der Tierhaltung und ihrer vor- und nachgelagerten Branchen einschließlich der Futterwirtschaft bleibt zu hoffen, dass die politischen Akteure neben den medialen und demoskopischen Erfordernissen ihres Handwerks ihre Verantwortung für Wirtschaft, Wertschöpfung und Beschäftigung nicht ganz aus dem Blick verlieren und doch noch Wege aus dem Zulassungsdilemma freigeben.

 
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