Nachhaltige Herausforderungen

11.08.2009

Helmut Wulf, Präsident des Deutschen Verbandes Tiernahrung e. V. (DVT)
Publiziert in: Kraftfutter/FeedMagazine 7-8/2009

Nachhaltigkeit ist eines der am häufigsten gebrauchten und leider auch missbrauchten Modewörter unserer Zeit. Doch spätestens seit die Bundeskanzlerin auf die Entstehung des Begriffes und seine heutige umfassende Deutung nach dem UN-Gipfel in Rio 1992 eingeht (Website des Kanzleramtes) und auch seit der Grundsatzrede von Bundesministerin Ilse Aigner zur Nachhaltigkeit in der Lebensmittelproduktion (Mai 2009, Berlin) sollte jedem klar sein, dass die einseitige Verwendung des Begriffes nur im Sinne von Ökologismus beendet ist. Nachhaltigkeit im Sinne von Rio stellt eine der größten Herausforderungen für jeden in der Lebensmittelkette Beschäftigten und jede Organisation dar, wenn man sie so umfassend definiert, wie es die deutsche Regierung versucht. Dabei muss klar sein, dass dies keineswegs ein nationales oder auch nur ein europäisches Thema ist: Der weltweite Ansatz zu einer ökonomisch verantwortbaren, ökologisch vertretbaren und sozial verträglichen Handlungsweise in jeder Phase unseres Tuns ist die eigentliche Herausforderung. Eine Einordnung der modernen Tierproduktion als Teil der Lebensmittelkette in dieses umfassende Denkschema ist eine besonders wichtige Aufgabe für die berufsständische Organisation der Futterwirtschaft in Deutschland. Diese Erkenntnis steht auch über der Jahrestagung 2009 des Deutschen Verbandes Tiernahrung. Die ökonomischen Rahmenbedingungen für die Futtermittelbranche könnten wahrhaft besser sein. Nach dem außergewöhnlichen Jahr 2007/2008 mit Spitzenproduktion auf hohem Preisniveau haben wir nun eher wieder das Mittelmaß vergangener Jahre erreicht. Dies bedeutet jedoch auch, dass trotz aller Prognosen und massiver Einflüsse der schwersten Wirtschaftskrise der vergangenen Jahrzehnte ein dramatischer Einbruch bislang nicht eingetreten ist. Gemessen am Vorjahr sind die Rückgänge allerdings wirklich mehr als spürbar. In einigen Regionen übersteigen die Rückgänge auch die zuvor erreichten Zuwächse deutlich. Die Befassung mit den landwirtschaftlichen Märkten und der zu erwartenden Entwicklung ist daher für eine Jahrestagung derzeit unverzichtbar. Die Aufarbeitung der Hintergründe für die schon erwähnte schwere Wirtschaftskrise und die daraus auch für unsere Branche zu ziehenden Konsequenzen sind sicher ebenso notwendig, wenn eine umfassende Betrachtung der "Futtermittelwirtschaft zwischen Märkten, Ansprüchen und Innovation" erfolgt. Jede Krise birgt auch eine Chance, wenn wir die Bereitschaft mitbringen, aus möglichen Fehlern und Ereignissen zu lernen. Die Futtermittelbranche hat diese Bereitschaft in den zurückliegenden Jahren mehrfach - nicht nur in Fragen der Qualität - bewiesen. Die Erfüllung aller qualitativen Ansprüche und aller Anforderungen an Systeme für sichere Produkte führen zwangsläufig dazu, dass neue Ansprüche seitens der Kunden und deren Abnehmern gestellt werden. Ein Anspruch der kommenden Jahre wird es sein, nachvollziehbar zu zeigen, dass Futterwirtschaft und Tierproduktion in Deutschland den Kriterien nachhaltigen Wirtschaftens folgen und sie in hervorragender Weise erfüllen. Carbon foot prints für einzelne Produktionen sind dabei keine Lösung. Zertifikate über die nachhaltige Erzeugung des einen oder anderen Rohstoffes alleine sind es ebenso wenig. Die umfassende Auseinandersetzung mit allen drei Säulen der Nachhaltigkeit erfordert viel mehr. Zugleich stellt die Forderung nach nachhaltiger Produktions- und Wirtschaftsweise besondere Anforderungen an Wissenschaft und Forschung. Möglichkeiten der Innovation und der Weiterentwicklung von Tierernährungsforschung darzustellen und zu diskutieren, wird daher ebenfalls Aufgabe der Jahrestagung sein. Der DVT stellt sich dieser "nachhaltigen Herausforderung" für die kommenden Jahre und der damit verbundenen Verantwortung. Die Jahrestagung 2009 soll der Start einer weiteren positiven Entwicklung der Tierernährung und der Futterwirtschaft in Deutschland und Mitteleuropa sein.

 
Anmelden
Anmelden