Strohfeuer?

10.06.2008

Autor: Peter Radewahn, DVT Bonn
Publiziert in: Kraftfutter/FeedMagazine 5-6/2008


Um es gleich vorweg zu sagen: Nein, bei den deutlich erhöhten Rohwaren- und Futtermittelpreisen handelt es sich nicht um ein Strohfeuer. Auch wenn derzeit eine ganze Branche ein wenig Hoffnung schöpft, da sich zumindest die Getreidepreise in Europa auf Talfahrt begeben haben. Man muss dabei nur bedenken, woher diese Preise kommen und was lange Jahre als „normaler Preis“ galt. Wir haben noch immer ein hohes Preisniveau und wir werden es weltweit nicht nur bei Getreide auf absehbare Zeit behalten. Lediglich die Schwankungen um eine längerfristig ansteigende Preislinie werden noch einige Zeit deutlich spürbar sein. Derzeit durchbrechen wir mit europäischem Weizen diese Trendlinie merklich nach unten. Wie lange diese Bewegung andauern und wann sie enden wird, um wieder in mehr oder weniger starken Anstieg überzugehen, kann niemand mit Gewissheit prognostizieren. Ganz sicher werden die weltweit und vor allem in Europa zu erwartenden und anschließend tatsächlich eingebrachten Erntemengen den verschiedenen Spekulationsrichtungen reichlich „Nahrung“ geben. Fakt ist, dass sich durch enorme Geldmengen auch aus ganz anderen Märkten eine Beeinflussung der klassischen Agrarmärkte ergibt.

Dies trifft z. B. ebenfalls für Futtermittel-Zusatzstoffe zu, die in anderen Sektoren auch als Rohware gesucht sind. Stahlveredler wie Mangan oder Molybdän werden für jedes neu gebaute „Hoch“-haus und jede neue Brücke in den Schwellenländern gebraucht. Infrastruktur heißt auch: Stromversorgung. Die Verbesserung der Stromversorgung lässt mithin auch die Preise für den Zusatzstoff Kupfer steigen. Alles das hat Einfluss auf die Agrar- und Lebensmittelpreise. Vernetztes Denken ist dringend erforderlich, um Lösungen zu finden anstatt immer anderswo Schuldige zu suchen.

Bestes Beispiel aus jüngster Zeit: Die Produktion agrarischer Energieträger („Biosprit“) ist von unterschiedlichster und teilweise ganz unerwarteter Seite unter Druck geraten. Und sofort fühlen sich bundesdeutsche Politiker mit Energievision dazu berufen, ganz schnell ein „Ersatzfeindbild“ zu entwickeln. Da wird öffentlich postuliert, man müsse aufpassen, dass nicht noch mehr Futtermittel zu Ungunsten von Lebensmitteln angebaut werden. Diese Aussage spricht für sich und kann wohl als wenig vernetzt und eher einseitig bezeichnet werden.

Auch und gerade der Erhalt der Lebensmittelproduktion mit Tieren in unserem Land und in Europa erfordert ein hochrangig vernetztes Denken. Wir wollen die Produktion von Milch, Fleisch und Eiern in unserem Land und in Europa erhalten und stärken. Dazu muss diese Herstellung insgesamt wettbewerbsfähig sein und zugleich zu möglichst preiswerten Produkten führen; denn – und hier herrscht ein Defizit in der Wahrnehmung – „der Verbraucher“ ist auch in Mitteleuropa nicht bereit, Produkte wie Milch, Fleisch und Eier zu jedem Preis einzukaufen. Den jüngsten Berechnungen der Preiselastizität (Agrarwirtschaft, Heft 57, 2008) sollten sehr schnell noch aktuellere Daten folgen, um bösen Überraschungen bei der Kaufzurückhaltung von vorne herein zu begegnen. Milch und Milchprodukte sind ein beredtes Beispiel der jüngeren Vergangenheit dafür, dass der Verbraucher nicht jeden Preis bezahlen wird und dass er sehr wohl auf bestimmte Produkte verzichten kann. Machen wir uns klar, dass ein wesentlicher Anteil an dem hohen Verbrauch von Veredlungsprodukten nicht zuletzt auf die besonders günstigen Preise der Vergangenheit zurückzuführen ist.

Die in den vergangenen ein bis zwei Jahren deutlich erhöhten Rohwarenpreise gerade bei landwirtschaftlichen Produkten sind sicher kein Strohfeuer, gleichzeitig wird aber immer deutlicher, dass Verbraucher nicht jede Preiserhöhung unwidersprochen mitmachen. Zumindest bei Lebensmitteln aus der Tierproduktion kommt es irgendwann zu Verbrauchseinschränkungen. Der Preis erlangt dabei seine ursprüngliche Aufgabe der Marktregulierung zurück, wenn keine wettbewerbsverzerrenden, politisch motivierten Eingriffe erfolgen. Lassen Sie uns gemeinsam mit allen Beteiligten – Wirtschaft wie Politik – die Rahmenbedingungen für einen fairen Wettbewerb gewährleisten und für Chancengleichheit bei der Verwertung von Rohwaren sorgen.

 
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