Bedrohlich

09.02.2018

Bernd Springer, dfv Mediengruppe, Frankfurt a. M.
Publiziert in: Kraftfutter/FeedMagazine 1-2/2018

ASP ante portas, Salmonellen im Rapsschrot, Tierproduktion in der Kritik und agrarpolitisch „business as usual“. Auf diesen kurzen Nenner kann man das Hintergrundgeschehen während der Internationalen Grünen Woche Mitte Januar in Berlin bringen. In der Diskussion um die Afrikanische Schweinepest wurde gerne darüber gestritten, ob die Abschussforderung für Wildschweine von 70% angemessen und zielführend sei. Die Rechnung „Weniger Wildschweine = weniger Infektionspotenzial“, die sowohl der Präsident des Deutschen Bauernverbands (DBV), Joachim Rukwied, als auch der geschäftsführende Agrarminister Christian Schmidt aufstellen, wird insbesondere von denjenigen gesellschaftlichen Gruppen, die sich das Wohl eines jeden Tieres auf die Fahnen geschrieben haben, zum Teil heftig angezweifelt. Wirtschaftliche Ängste der Schweineproduzenten und die sichere Versorgung mit Schweinefleisch aus deutscher Erzeugung haben in deren Gedankengut keinen Platz. Doch statt diese Gruppen zu bitten, ihre ideologischen Schützengräben zu verlassen, sähen regionsspezifische, grenzüberschreitende Eindämmungskonzepte gegen die ASP doch zielführender und eleganter aus. Auch erscheinen mittelfristig die Sicherung der gesellschaftlichen Akzeptanz der Tierproduktion in Deutschland und die Rückführung der Diskussion darüber auf die Ebene des Verbraucherbedarfs und -verhaltens vorrangiger als hypothetische Schreckensszenarien. Die Diskrepanz zwischen Slogans auf Pressekonferenzen und Festreden und der Präsentation der Lebensmittel in den Messehallen kann nicht viel größer sein. Ja, Bioproduktion ist ein Thema und wird bemerkenswerterweise in fast jedem Land durch mehrere Vermarktungsverbände vertreten. Bestes Beispiel hierfür war das Partnerland Bulgarien, das in jeder seiner vier Hallenecken mit einem anderen Bioverband aufwartete. Welcher Bio ist wohl biologischer? Tierwohl fand beim Bestreben, möglichst viel Interesse für Wurst, Schinken und Filet zu wecken, kaum Berücksichtigung.Überhaupt scheint das Thema Tierwohl eines zu sein, bei dem die Diskussion umso lauter wird, je mehr wissenschaftliche Erkenntnisse über Bord geworfen und Wissenslücken mit moralisierenden Ideologien gefüllt werden. Konrad Lorenz, der der Verhaltensforschung an Tieren Mitte des vergangenen Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum zum Durchbruch verholfen hat, sähe sich um sein Werk gebracht. Die Bedürfnisse von Nutztieren lassen sich nicht moralisch, wohl aber mit aufwendigen, wissenschaftlich angelegten Studien ermitteln. Daran fehlt es allerdings nach wie vor – und die Strukturen an den Fakultäten lassen da in naher Zukunft auch keinen Durchbruch erkennen.Doch egal, ob Seuchenzug oder gesellschaftliche Einflussnahme, harte Zeiten für die Tierproduzenten ziehen herauf und werden auch harte Zeiten für die Futterindustrie nach sich ziehen. Weniger Tiere bedeuten weniger Futterbedarf. Ein Mengenrückgang beim Mischfutterabsatz lässt sich bei bestehender Kostenstruktur in der Tierhaltung wohl kaum durch qualitativen Mehrwert ausgleichen. Die Futterindustrie als Treiber einer gesundheitsorientierten Tierfütterung droht in einen gefährlichen Strudel zu geraten. Deshalb wäre die Agrarpolitik gut beraten, die wichtigen vor- und nachgelagerten Stufen der Landwirtschaft genau im Auge zu behalten. Das junge Jahr hat noch Potenzial, sich positiv zu entwickeln. Vielleicht fängt dies mit einer bei Erscheinung dieser Ausgabe handlungsfähig gebildeten Regierung an. Nicht nur die Agrarwirtschaft, sondern auch die zuständige Verwaltung und Gesetzgebung sollten Rückgrat zeigen.

 
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