Vorfahrt für Vernunft

07.10.2011

Britta Reimers, MdEP, Brüssel
Publiziert in: Kraftfutter/FeedMagazine 9-10/2011

Die Agrarpolitik in Europa steht derzeit ziemlich im Schatten der alles überlagernden Euro-/Europakrisendebatten im Europäischen Parlament. So wundert es nicht, dass die große Agrarreformdebatte es noch schafft, bemerkt zu werden. Jedoch werden andere Themen, die sich auf die Agenda bewegen, weniger von der Öffentlichkeit wahrgenommen.

Dabei stehen gerade hier Entscheidungen an, die einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Kostenstruktur der Tierproduktion in Europa haben werden. Wie wird sich das Honigurteil des EuGH auf die Zukunft der Gentechnik in Europa auswirken? Wird damit ein GVO-Anbau unmöglich und der Import von Lebens- und Futtermitteln stark verteuert, oder erreicht nun der Handelsdruck eine Stärke, die dazu zwingt, endlich eine Lösung zu schaffen?

Und da die Agrarflächen inzwischen nicht mehr nur Lebens- und Futtermittel liefern, sondern auch Rohstoffe für industrielle Biotech-Produkte, Biodiversität sichern und auch noch das Energieproblem in Europa lösen sollen – von der Klimarettung ganz zu schweigen -, wird die europäische Tierproduktion auch zukünftig auf Futtermittelimporte angewiesen sein.

Aber das ist noch lange nicht alles. Die Gesetzgebung rund um die Tiergesundheit soll in ein Gesetz zusammengefasst werden, was viele Themen wieder auf die Tagesordnung bringen wird, wie beispielsweise Tiertransporte, Ferkelkastration, Tierhaltungsregelungen, Antibiotikaresistenz und Seuchenschutz. Die Frage ist nun: Wie wirkt sich das auf die Märkte und insbesondere auf die Wettbewerbsfähigkeit aus?

Eine steigende Weltbevölkerung lässt auf eine steigende Nachfrage nach Lebensmitteln hoffen. Dies klingt positiv und da auch zukünftig die Ressourcen für die Produktion knapp bleiben werden, lässt es auf längerfristig stabile Preise hoffen. Allerdings wissen wir auch, dass Gesetzgebung durchaus einen Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit haben kann. Führen die künftigen Regelungen dazu, eine qualitative und quantitative Produktionssteigerung bei behutsamem Umgang mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen in Europa zu erreichen, sprich die Effizienz zu erhöhen, so kann das Ganze durchaus die europäische Agrarwirtschaft global stärken. Sollten aber die Regelungen ohne Rücksicht auf Umsetzbarkeit auf Grund von Wunschdenken gestrickt werden, so kann dies zu einseitiger Benachteiligung der europäischen Landwirtschaft führen, welche die Wettbewerbsfähigkeit in Frage stellen wird und damit auch einen Ausstieg aus Dauerunterstützungszahlungen der Gemeinsamen Agrarpolitik unmöglich machen.

Wichtig wird es sein, wie gut sich die Landwirtschaft mit ihren vor- und nachgelagerten Bereichen auf die anstehenden Diskussionen vorbereitet hat. Wird es möglich sein, die Sorgen und Ängste der ’satten’ Gesellschaft ernst zu nehmen und in einer sachlichen Diskussion zu vernunftsorientierten Lösungen zu kommen?

Vernunftsorientierte Lösungen, da sind wir schon wieder bei der Eurokrise. Wenn wir hier vernünftige Lösungen finden und die Märkte sich beruhigen, wird sich das auch positiv auf die Agrarmärkte auswirken. Lassen wir uns von Gefühlen leiten, kann es zu Fehlentscheidungen kommen, unter deren Folgen gerade die Agrarmärkte wieder leiden werden. Ich hoffe, dass die Vernunft in Europa die Oberhand behält. Sie hat Europa ja auch einst zusammengeführt.

 
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