Vorwärts – in die Steinzeit?

04.10.2019

Peter Radewahn, Deutscher Verband Tiernahrung e. V., Bonn
Publiziert in: Kraftfutter/FeedMagazine 9-10/2019

Bei manch einer Berichterstattung dieser Zeit kommen mir immer häufiger dunkle Vorahnungen. Da wird ohne irgendeinen Blick auf die Folgen und Hintergründe über Themen zur Klimadebatte drauf los berichtet. Es gibt nur Schwarz oder Weiß, möglichst keine komplexen Details. Ein Beispiel? Die Abholzung des Regenwaldes durch Brandrodung wird unkritisch als „böse" kritisiert und – kaum dass man sich versieht – die deutsche Tierhaltung als Schuldiger identifiziert. Schließlich liefen ja sämtliche Sojaexporte Brasiliens letzten Endes in die Tiermägen der hiesigen Schweine. Wie man es besser machen sollte? Wird oft nicht thematisiert. Aber wenn, dann nach dem Motto: Alles ist gut, was „alternativ" klingt.

Und die Wiederkäuer werden ein ums andere Mal als Verursacher des schlimmen Treibhausgases Methan diskreditiert. Niemand fragt mal nach, wie eine alternative Nutzung der Grünlandflächen aussehen könnte und wie diese Flächen anders für die Lebensmittelproduktion genutzt werden könnten. Man ist versucht, diesen einseitigen und verkürzenden Berichterstattern zuzurufen: „Nehmen Sie zur Kenntnis, dass Sie zwar irgendwann ins Gras beißen - aber Sie fressen es nicht! Denken Sie einfach mal nach!“ 

Einige Wissenschaftler und Gelehrte gefallen sich darin, Verzicht zu predigen: Verzicht auf Fleisch, Verzicht auf Milchkonsum, Verzicht auf alle möglichen anderen hochwertigen Nahrungsmittel, für die uns weite Teile der Welt noch immer – beklagenswerter Weise – beneiden müssen. Die modernen Flagellanten verbreiten zumindest eines: ein maßlos schlechtes Gewissen bei den Verbrauchern, die oft genug als „Konsum-Junkies“ diskreditiert werden. Und man übersieht bei der ganzen einseitigen Diskussion schlichtweg, dass andere sich schnell entwickelnde Agrarwirtschaftsländer außerhalb der EU nur darauf warten, ihre Lieferfähigkeit weiter auszubauen und die bei uns durch die Verzichtsdiskussion entstehenden Versorgungslücken schnell zu schließen, womöglich zu noch günstigeren Preisen, als wir sie jetzt schon haben. 

Ein Weg zurück in die Steinzeit scheint für uns vorgezeichnet. Eine wirkliche Strategie, die auch die Folgen und Effekte – alle Folgen und Effekte – vollständig bedenkt, ist in der Steinzeitdebatte nicht erkennbar. Das ist nur da erkennbar, wo mit Maß und Ziel diskutiert wird. Wo fachlich fundierte Urteile noch zählen und nicht die reine Emotion. In der wissenschaftlich fundierten Tierernährung suchen wir nach Lösungen für ganz viele der Herausforderungen. Eine Nährstoffreduzierung bei gleichzeitiger Beibehaltung von Leistungsfähigkeit und Wohlergehen der Tiere ist weder emotional ausschlachtbar noch trivial. Natürlich müssen die Aufgaben der Tierernährung breiter als bisher definiert werden. Die von einem gesunden Darm ausgehende Stabilisierung des Immunsystems ist eine äußerst wichtige Tierernährungsaufgabe. Genauso wie die Nutzung von neuen Erkenntnissen zur positiven Beeinflussung der Mikrobiota. Und letztlich ist es auch eine Aufgabe der Tierernährung, für mehr „Ruhe im Stall“ zu sorgen, die man alternativ nur dann erreichen könnte, wenn man den Stall räumt und leer stehen lässt.

Nein, der Weg zurück in die Steinzeit hilft niemandem weiter – schon gar nicht den Menschen, die diese Debatte selbstanklagend anführen.

 
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