Tierisches Protein wieder in die Fütterung?

Wiederzulassung der Verfütterung von tierischem Protein

Die Diskussion um die Wiederzulassung tierischer Proteine in der Fütterung von Nutztieren hält seit einigen Jahren an. Die Landwirtschaft weist angesichts einer drohenden Verknappung bei Eiweißfuttermitteln auf diese wertvollen Rohstoffe hin, die derzeit noch anderweitig genutzt oder entsorgt und vernichtet werden. Mit der BSE-Roadmap hatte die EU-Kommission schon im Jahr 2005 einen Rahmen abgesteckt, um die Beschränkungen schrittweise zu lockern. Fünf Jahre später wurde ein Fahrplan dafür veröffentlicht (TSE Road map II). Im Sommer 2011 hat sich dann auch das Europäische Parlament für eine weitere Lockerung ausgesprochen. Dies bedeutete auch eine Überprüfung des Verfütterungsverbots für verarbeitete tierische Proteine (processed animal proteins, PAP) an Schweine und Geflügel. Der Verzehr von PAP durch Wiederkäuer sollte aber in jedem Fall ausgeschlossen werden, ebenso wie die Intraspezies-Verfütterung (Kannibalismusverbot).

Was ist verarbeitetes tierisches Protein (PAP)?

Hinter dem Begriff PAP verbirgt sich eine bestimmte Kategorie von tierischen Eiweißen und Schlachtnebenerzeugnissen. Seit 2002 werden solche Stoffe in drei Kategorien eingeteilt: Kategorie 1 (spezifiziertes Risikomaterial), Kategorie 2 (nicht genusstaugliche Schlachtabfälle) und Kategorie 3 (genusstaugliche Schlachtkörperteile).

Genusstaugliche Schlachtkörperteile sind Nebenprodukte aus Schlachtung, Zerlegung und Fleischverarbeitung von gesund geschlachteten Tieren, die aus wirtschaftlichen oder kulturellen Gründen nicht zum menschlichen Verzehr verwendet werden. Diese Produkte haben Lebensmittelstatus. Die zur Wiederzulassung diskutieren PAP dürfen nur aus Kategorie-3-Material erstellt werden. Kategorie-1- und Kategorie-2-Produkte, die in früheren Zeiten zum sog. Tiermehl mitverarbeitet wurden, sollen weiterhin entsorgt werden bzw. nicht in die Futtermittelkette gelangen.

Warum will die EU tierische Proteine wieder zulassen?

Die EU-Kommission argumentiert, dass PAP derzeit vorrangig für Düngemittel, als Kompost oder als Brennstoff in der Zementherstellung eingesetzt werden. PAP von Nicht-Wiederkäuern könnten aber für Schweine, Geflügel und Fische eine wertvolle Proteinquelle darstellen. Zudem ist es aus ökologischer Sicht wesentlich nachhaltiger, solche Proteine in der Tierernährung zu nutzen. Gleiches gilt für Futterphosphate, da PAP eine ernährungsphysiologisch hochwertige Phosphorquelle sind. Ferner muss die durch das Verfütterungsverbot entstandene Eiweißlücke durch Importe aus Drittländern gedeckt werden. Fachleute versprechen sich durch die Lockerung nicht nur positive Umwelteffekte, sondern auch eine Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit von Nutztierhaltern und Fleischverarbeitung.

Wie steht der DVT zur Wiederzulassung der PAP?

Die politische und publizistische Hypothek des unrichtigen Begriffes „Tiermehl“ wiegt schwer. Die Vorbehalte der Verbraucherschaft sind Fakt. Eine Wiedereinführung tierischer Proteine wird vom DVT nicht aktiv gefordert. Sie wäre vielmehr nur unter der Voraussetzung machbar, dass eine eindeutig positive wissenschaftliche Sicherheitsbewertung vorliegt. Die Akzeptanz im Markt müsste gegeben sein, nicht nur in der Landwirtschaft, sondern bei allen Stufen der Lebensmittelkette, der Politik und der Verbraucherschaft. Außerdem sind validierte Analysenmethoden notwendig, die eine sichere Unterscheidung nach Tierarten in der Verarbeitung und Verwendung solcher Erzeugnisse gewährleisten. Auch Toleranzschwellen bzw. Regeln zum Umgang mit unvermeidlichen Verschleppungen und Spuren tierischer Proteine sind festzulegen.

Um welche Mengen geht es?

Als hochwertiger Eiweißlieferant können PAP pflanzliche Eiweißquellen, wie beispielweise Soja, ersetzen. Allerdings kann die Hoffnung, hierdurch unabhängiger vom Import dieser Rohstoffe aus Drittländern zu werden, allenfalls zu einem geringen Teil erfüllt werden. Entgegen der Situation vor rund 14 Jahren – also vor dem EU-weiten Verfütterungsverbot – gestalten sich die Rahmenbedingungen wesentlich komplexer. Nur tierische Bestandteile der Kategorie 3 würden für die Nutztierverfütterung zur Verfügung stehen. Als Rohmaterial standen hier im Jahr 2010 nach Angaben der Servicegesellschaft Tierische Nebenprodukte mbH (STN) in Deutschland rund 1,5 Mio. Tonnen zur Verfügung. Daraus wurden knapp 400.000 Tonnen tierische Proteine und ca. 290.000 Tonnen Tierfett hergestellt. Zusätzlich fielen etwa 24.000 Tonnen Phosphat aus Knochen an. Die genannten Mengen wären bei einer Freigabe jedoch nicht allein für die Nutztierfütterung verfügbar. Bereits heute gelangen größere Mengen in die Herstellung von Heimtiernahrung. Tierische Fette werden in nicht unbedeutenden Mengen als technische Fette und in der Oleochemie eingesetzt. Die Konkurrenz zu anderen Verarbeitungssektoren ist also groß. Diese Situation hält auch die Preise für Produkte aus der Fleischverarbeitung relativ hoch.

Zieht man von den verbleibenden Mengen die Produkte aus der Rindfleischgewinnung ab – nur artenreine Schlachtabfälle aus der Schweine- und Geflügelfleischproduktion stünden zur Disposition –, dann erschließt sich Futtermittelherstellern und Landwirten die recht überschaubare Rohstoffquelle von rund 120.000 Tonnen tierisches Protein (grob geschätzt) für den Nutztierfuttersektor. Das entspricht einem Sojaschrotäquivalent von ca. 140.000 Tonnen, etwa 2,8 % des Gesamtverbrauches an Soja in Deutschland. Hinzu kämen etwa 20.000 Tonnen verfütterbare Tierfette und gut 10.000 Tonnen Futterphosphat.

Entscheidung für begrenzte Verfütterung an Fische

Im Sommer 2012 hat Brüssel die begrenzte Verwendung von verarbeiteten tierischen Proteinen in Fischfutter wieder erlaubt. Keine Zustimmung fand die Wiederzulassung der Verfütterung von verarbeiteten tierischen Proteinen an Schweine und Geflügel. Begründet wurde diese Entscheidung damit, dass bisher keine verlässlichen Analysemethoden zur Verfügung stehen, die aufgrund des Intraspezies-Verfütterungsverbotes und der damit einhergehenden Nulltoleranz für Verschleppungen notwendig wären. Die Verfütterung von verarbeiteten tierischen Proteinen von Nichtwiederkäuern an Fische ist seit dem 1. Juni 2013 wieder erlaubt. Die technischen Vorgaben zur Herstellung, Lagerung, Transport und Kennzeichnung von Fischfutter mit verarbeiteten tierischen Proteinen sind - wie die Vorgaben für Fischmehl - sehr streng.

Stand April 2014

 
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Links und Downloads

Bericht über EU-Rechtsvorschriften zu transmissiblen spongiformen Enzephalopathien (TSE) und zu zugehörigen Kontrollen von Futter- und Lebensmitteln – Umsetzung und Ausblick (2010/2249(INI))
Ausschuss für Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit
Berichterstatterin: Dagmar Roth-Behrendt

BSE-Roadmap II, Zweiter Fahrplan für die TSE-Bekämpfung, Juli 2010

BSE-Roadmap der EU-Kommission: Lockerung und Anpassung der BSE-Schutzmaßnahmen

www.feedsafety.org: Informationen zu Analysenmethoden für tierische Proteine

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