Prozesskennzeichnung - aber wie?

Umfassende Kennzeichnung von gentechnisch veränderten Lebensmitteln ist notwendig!

Der DVT und die im Verbändenetzwerk "Grain Club" zusammengeschlossenen Verbände der Futter- und Getreidebranche begrüßen grundsätzlich eine kritische Auseinandersetzung mit dem Gentechnik-Kennzeichnungsrecht, da die Praxis immer wieder zeigt, dass die bestehenden Regelungen für die Mehrheit der Verbraucher nicht transparent genug sind.

In der Gemeinschaft besteht jedoch bereits eine Prozesskennzeichnung. Das im Koalitionsvertrag dargelegte Streben nach einer Prozesskennzeichnung kann demzufolge nur auf eine Erweiterung der geltenden Kennzeichnung abzielen. Es ist daher unverzichtbar, dass die Bundesregierung vor einer abschließenden Meinungsbildung innerhalb der Lebens- und Futtermittelwirtschaft zunächst klar formuliert, welche konkreten Vorschläge in Brüssel eingebracht werden sollen.
Nach heutigem EU-Recht müssen alle freigesetzten gentechnisch veränderten Organismen (GVO) und daraus im folgenden Produktionsprozess gewonnene Lebens- und Futtermittel gekennzeichnet werden. Hingegen bleiben Zutaten, Zusatzstoffe und technologische Hilfsstoffe, die mit Hilfe von GVO hergestellt wurden, sowie tierische Lebensmittel, die unter Einsatz gentechnisch veränderter Futtermittel erzeugt wurden, kennzeichnungsfrei. Diese Differenzierung führt dazu, dass ein breites Spektrum gentechnischer Verfahren, das in der Lebens- und Futtermittelproduktion bereits routinemäßig Anwendung findet, dem Verbraucher gegenüber verborgen bleibt. Damit ist ein wesentliches Ziel des prozessbezogenen Ansatzes, nämlich die Herstellung von Transparenz bzw. Sichtbarmachung des Einsatzes biotechnologischer Verfahren im Werdegang eines Lebensmittels, nicht erfüllt. Die damit verbundene fehlende Wahrnehmung der Gentechnik infolge des Nichtvorhandenseins gekennzeichneter Endprodukte ist Ursache dafür, dass die Konsumenten keine persönlichen Erfahrungen zur Bewertung von Gentechnikanwendungen machen können. In der Konsequenz werden zumeist negative Denkmuster übernommen, die einem ursprünglichen Ziel der EU-Kennzeichnung, dem Verbraucher fundierte und selbständige Entscheidungen zu ermöglichen, entgegenwirken.

Die deutsche „ohne Gentechnik“-Kennzeichnung von Lebensmitteln ist daher  ungeeignet, Transparenz und Wahlfreiheit herbeizuführen. So wird durch den umfassenden Anspruch der Auslobung „ohne Gentechnik“ suggeriert, dass ein Lebensmittel unter vollständiger Abwesenheit von Gentechnik hergestellt wurde.

Tatsächlich sind verschiedene Gentechnikanwendungen bei „ohne Gentechnik“-Lebensmitteln aber uneingeschränkt erlaubt. Andere sind zwar verboten, aber nur zeitweise innerhalb bestimmter Fristen vor der Gewinnung tierischer Lebensmittel bzw. der Schlachtung der Tiere. Die Missverständlichkeit dieser nationalen Kennzeichnung wurde von der Justus-Liebig-Universität Gießen im Rahmen einer Verbraucherstudie bestätigt.

Vor diesem Hintergrund muss eine Diskussion über die Ausweitung der Kennzeichnung auf Gemeinschaftsebene geführt werden. Allerdings dürfen hiervon nicht nur tierische Produkte betroffen sein, die unter Einsatz gentechnisch veränderter Futtermittel erzeugt wurden. Eine Ausweitung der Kennzeichnung allein auf Milch, Fleisch und Eier würde die öffentliche Gentechnikdiskussion entgegen den Marktrealitäten auf die Bereiche Futtermittelwirtschaft, tierische Veredelung und Milchproduktion lenken und diese Bereiche der Lebensmittelherstellung ungerechtfertigt diskriminieren. Nach Auffassung der Verbände kann die von der Bundesregierung explizit als Ziel genannte „umfassende Verbrauchertransparenz“ im Bereich Gentechnik nur dann entstehen, wenn neben Milch, Fleisch und Eiern sämtliche Lebensmittel einschließlich pflanzlicher und zusammengesetzter Produkte, in deren Werdegang gentechnische Verfahren Anwendung fanden, in die prozessbezogene Kennzeichnung aufgenommen werden.

 
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