Zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung: Mischfutter in der DDR

02.10.2020 13:23
Kategorie: DVT/Service, Agrarpolitik

Wie war das eigentlich damals mit der Mischfutterproduktion in der DDR? Der 30. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung bietet Anlass, einmal einen Blick darauf zu werfen, wie die Futterbranche strukturiert war und welche gravierenden Veränderungen die Futterwirtschaft der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik innerhalb kürzester Zeit durchlaufen musste. Aus dem Bericht von Dr. Hans Jacobi wird deutlich, welche Umwälzung dieser Wirtschaftszweig durchlebte und wie es dann auch zur Zusammenführung der Branchen- bzw. Interessenvertretungen kam.

Mischfutter in der DDR – eine Zusammenfassung von Dr. Hans Jacobi* 

Mischfutterproduktion und Rohstoffe

Mischfuttermittel zählten auch in der DDR zu den wichtigen und unverzichtbaren Produktionsmitteln der Landwirtschaftsbetriebe. Beginnend ab 1955 wurden zunächst nicht mehr benötigte Getreidemühlen schrittweise zur Produktion von Mischfutter umgerüstet und mit diesen Betrieben Anfang der 60er-Jahre etwa eine Millionen Tonnen Futtermittel im Jahr gewerblich produziert. Da umstellungswürdige Mühlen nicht mehr ausreichend verfügbar waren, beschloss der Ministerrat der DDR in den Jahren 1964 und 1970 staatliche Programme zum Ausbau der Mischfutterproduktion, insbesondere durch Neubau großer und leistungsfähiger Mischfutterwerke und Getreidesiloanlagen. Mit diesen neu errichteten und danach ständig rationalisierten Produktionsstätten stellten im Jahre 1989 in der DDR 73 staatliche Betriebe und 37 Hersteller in der Landwirtschaft (Genossenschaften, zwischenbetriebliche Einrichtungen) insgesamt 6,8 Millionen Tonnen Mischfutter auf industrieller Basis her. Die regionale Verteilung der Produktionsstätten in der DDR entsprach in etwa den Standorten der Nutztierbestände der Landwirtschaftsbetriebe.

Als Rohstoffe gelangten im Mittel 75 Prozent Getreide und Mühlennachprodukte, 17 Prozent Extraktionsschrote und andere Eiweißfuttermittel, 5 Prozent sonstige Futtermittel und 3 Prozent Mineralstoffmischungen zur Verarbeitung. Zirka ein Drittel der Mischfutterrohstoffe (Futtergetreide, Extraktionsschrote u. a.) mussten aus anderen Ländern importiert werden. 

Futtermittelrechtliche Bestimmungen und Qualitätssicherung

Herstellung und Handel industrieller Futtermittel waren in der DDR mit der „Verordnung über die Produktion von industriellen Futtermitteln, den Verkehr mit Futtermitteln und die Verwaltung des staatlichen Futtermittelfonds – Futtermittelverordnung vom 22.10.1964“ sowie mehreren dazu erlassenen Durchführungsbestimmungen gesetzlich geregelt. 

Alle Hersteller und Inverkehrbringer von industriellen Mischungen mussten ferner spezielle „Qualitätsanforderungen für Mischfuttermittel, Wirk- und Mineralstoffmischungen und wissenschaftlichen Empfehlungen für den Einsatz in der Tierproduktion“ befolgen, die regelmäßig aktualisiert und als Weisungen des Ministeriums für Land-, Forst- und Nahrungsgüterwirtschaft (MLFN) der DDR rechtsverbindlich vorgegeben wurden. An der Ausarbeitung dieser Qualitätsanforderungen und Fütterungsanweisungen wurden Spezialisten aus der Praxis, Wissenschaftler der landwirtschaftlichen Forschungseinrichtungen, Angehörige des staatlichen „Amtes für Standardisierung, Messwesen und Warenprüfung (ASMW)“ sowie rund 50 berufene Mitglieder der „Gutachterkommission für Futtermittel beim MLFN“ mit ihren Vorschlägen beteiligt.

Die letztmalig im Jahr 1987 vorgenommene Neufassung der Qualitätsanforderungen war für 72 Mischfutterarten, 8 Wirkstoffmischungen, 19 Mineralstoffmischungen und 20 Spezialrezepturen verbindlich (mit Höchst- und Mindestgehalten für Inhalts- und Mengenanteilen einzelner Rohstoffarten und den zu befolgenden Fütterungsanweisungen).

Die Mischfutterrezeptur für den Produktionsauftrag legte jeder Betrieb dann eigenverantwortlich fest, wobei die für den Betrieb für das Quartal bilanzierte Rohstoffmenge jeweils am Quartalsende ausgeglichen sein musste.

Die Kontrolle über die Einhaltung der Qualitätsanforderungen von den Mischfutterherstellern und die Festsetzung von Qualitätsminderungen bei Nichteinhaltung dieser Anforderungen oblag dem ASMW, das in allen größeren Mischfutterbetrieben dazu Leiter der Technischen Kontrollorganisation (TKO) einsetzte. Verstöße gegen die erlassenen Qualitätsvorschriften wurden mit Preisabschlägen und in schweren Fällen disziplinarisch gegen die Leiter geahndet.

Ein gesondertes Zulassungsverfahren als staatlich anerkannter Mischfutterhersteller oder von Betrieben, in denen Mischfutter produziert wurde, existierte in der DDR nicht.

Bereitstellung und Einsatz von Mischfutter

Die Marktwirtschaft wurde in der DDR erst mit der Währungsunion am 1. Juli 1990 eingeführt. Bis dahin wurden die zu produzierenden Mischfuttermengen staatlich verbindlich geplant, die zur Verfügung stehenden Mischfutterrohstoffe staatlich bilanziert und die Anspruchsberechtigungen an Mischfutter schriftlich erteilt. Unter strikter Beachtung dieser Vorgaben schlossen die Hersteller dann mit den Tierproduktionsbetrieben Wirtschaftsverträge ab und verkauften das Mischfutter zu staatlich festgesetzten Preisen. Einen freien Mischfutterhandel gab es also nicht.

Bis zum Jahr 1962 verfügte der Staat über die Verwendung von Mischfutter im Rahmen eines Staatlichen Futtermittelfonds (SFF) ausschließlich allein. Ab 1963 durften die Landwirtschaftsbetriebe eigene Mischfutteransprüche mit dem zusätzlichen Verkauf von Getreide an den Staat über den ihnen vorgegebenen Staatsplan Getreide hinaus im Verhältnis 1:1 erwerben. Diese Berechtigungsmenge stieg von Jahr zu Jahr an und belief sich im Jahr 1989 auf knapp 4,1 Millionen Tonnen (60 Prozent der Mischfutterproduktion). Der SFF diente im Wesentlichen der Versorgung von staatlichen Tierproduktionsbetrieben, die selbst keine Pflanzenproduktion betreiben konnten, staatlichen Tierzuchtbetrieben, Fischereibetriebe und in geringem Maße dem zusätzlichen Eierankauf aus individueller Geflügelhaltung.

Die im Gegenverkauf für Getreide von den Pflanzenproduktionsbetrieben erworbenen Mischfutteransprüche (auch Mischfuttertausch genannt) wurden unter Mitwirkung und Aufsicht der staatlichen Räte der Bezirke und Kreise an die landwirtschaftlichen Tierproduktionsbetriebe übertragen, die dann Verträge zum Bezug von Mischfutter mit den Mischfutterherstellern abschlossen.

25 Prozent des Mischfutters wurden für Rinder, 55 Prozent für Schweine, 18 Prozent für Geflügel und 2 Prozent für Sonstige verwendet. Ein Drittel des industriell hergestellten Mischfutters wurde pelletiert. Alleinfuttermittel gelangten überwiegend lose mit Spezialfahrzeugen zur Auslieferung.

Privatisierung der Mischfutterbetriebe und Übergang zur Marktwirtschaft

Unter dem Druck des „Runden Tisches“ verfügte die Modrow-Übergangsregierung bereits am 1. März 1990 die Umwandlung der volkseigenen Kombinate, Betriebe und Einrichtungen in Kapitalgesellschaften und deren treuhänderische Verwaltung durch die neu gegründete Treuhandanstalt. Gleichzeitig erhielten die im Jahre 1972 zwangsweise in volkseigene Betriebe umgewandelten ehemaligen Betriebe mit staatlicher Beteiligung und Privatbetriebe auf Antrag der ehemaligen privaten Gesellschafter oder Inhaber und deren Erben das Recht der Wiederumwandlung solcher Unternehmen in Personengesellschaften oder Einzelunternehmen. Die rechtlichen Regelungen zur Privatisierung des ehemals „volkseigenen“ Vermögens wurden von der im März 1990 erstmals freigewählten Regierung dann mit dem Treuhandgesetz vom 17. Juni 1990 erlassen.

Von den 73 volkseigenen Mischfutterbetrieben (VEB) waren bis zur Wende 18 eigenständige Betriebe und 55 Betriebsteile der VEB Kraftfuttermischwerk oder VEB Getreidewirtschaft mit insgesamt ca. 3600 Beschäftigten tätig. Nach der vollzogenen Umwandlung der ehemaligen volkseigenen Betriebe in Aktiengesellschaften oder GmbH und deren Eintrag in das Handelsregister hatten diese bis spätestens 1. Juli 1990 eine geprüfte DM-Eröffnungsbilanz vorzulegen. Zeitgleich begann die Treuhandanstalt die umgewandelten Unternehmen auszuschreiben und entschied bei annehmbaren Kaufgeboten deren Verkauf.

Mit Einführung der DM in der DDR am 1. Juli 1990 endete die Ära der sozialistischen Planwirtschaft abrupt. Alle bis dahin von den DDR-Behörden erteilten Bilanzen und Fondsvorgaben sowie Preise und Preisbindungen wurden unwirksam. Gleichzeitig traten die Regelungen der EG-Marktorganisationen in Kraft. Die total geänderten Rahmenbedingungen hatten erhebliche Auswirkungen auch in der produzierenden Landwirtschaft. Die Nutztierbestände reduzierten sich erheblich und die Mischfutternachfrage fiel von 6,2 Millionen Tonnen (1989/1990) auf 2,7 Millionen Tonnen (1991/1992). Der Mischfuttermarkt stabilisierte sich jedoch in den neuen Bundesländern nach Vollendung der Privatisierung wieder relativ schnell, allerdings auf einem reduzierten Niveau. Nicht alle ehemaligen Mischfutterhersteller konnten sich deshalb am Markt behaupten, gaben auf oder gerieten in Liquidation. Im Wirtschaftsjahr 2011/2012 produzierten in den östlichen Bundesländern 63 zugelassene Betriebe rund 3,3 Millionen Tonnen Mischfutter – heutzutage (2019/2020) stellen 54 Betriebe 3,6 Millionen Tonnen Mischfutter her.

Interessenvertretungen der Mischfutterhersteller

Das Fehlen von Markt und Wettbewerb in der DDR förderte vielfältige Interessen für einen Erfahrungsaustausch. Ein Slogan hieß deshalb „Erfahrungsaustausch ist die billigste Investition“.

Verbände als berufsständische Interessenvertretungen waren in der DDR völlig unbekannt und existierten nicht. In allen Leitungsebenen bestanden jedoch Wünsche zu regelmäßigen Zusammenkünften, um sich darüber auszutauschen, wie die gestellten Aufgaben auch unter schwieriger werdenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die besonders in den 80er-Jahren in der DDR sichtbar wurden, erfüllt werden können. Gute Möglichkeiten für einen fachbezogenen Meinungsaustausch bot dazu die Ingenieurorganisation „Kammer der Technik“ mit ihrer Wissenschaftlichen Sektion Getreidewirtschaft und den darin integrierten vier Fachausschüssen, darunter dem Fachausschuss Mischfutter. Regelmäßige Zusammenkünfte und interdisziplinäre Treffen der Leiter trugen dazu bei, das Mischfutter immer einigermaßen plan- und qualitätsgerecht produziert und Hemmnisse einigermaßen überwunden werden konnten.

Die Hierarchie der Leitungslinien war kompliziert und bot den Leitern in den unteren Ebenen nur geringe Möglichkeiten, sich untereinander auszutauschen. Die Mischfutterwerke waren selbständige Betriebe oder gehörten organisatorisch zu den VEB Getreidewirtschaft. Diese wiederum waren territorial dem zuständigen VEB Kombinat Getreidewirtschaft unterstellt, das wiederum dem Rat des Bezirkes (die DDR war politisch in 15 Bezirke gegliedert) zugeordnet war. Für die wissenschaftlich-technische und ökonomische Betreuung der Getreideverarbeitungsindustrie, und zusätzlich mit Bilanzierungsfunktionen ausgestattet, hatte deshalb das Landwirtschaftsministerium im Jahr 1983 den „VEB Wissenschaftlich-technisches-ökonomisches Zentrum der Getreideverarbeitungsindustrie (WTÖZ)“ gegründet und sich unterstellt. 

Bereits im Januar 1990 nahm der Fachverband der Futtermittelindustrie, Bonn, Kontakt zum WTÖZ, Berlin, auf und empfahl die Schaffung einer berufsständischen Interessenvertretung für die Mischfutterbranche. Dieses Vorhaben wurde fachlich vom Fachverband unterstützt und begleitet. Bereits im Mai 1990 gründeten 42 ostdeutsche Firmenvertreter den „Verband der Getreide-, Mühlen- und Futtermittelindustrie“. Mit Aufnahme der Tätigkeit der Geschäftsstelle am 1. September 1990 mit Sitz in Berlin traten viele weitere Firmen dem neuen Verband bei. 

Sie erwarteten fachliche Beratung bei der Bewältigung ihrer vielfältigen Fragen, die sich insbesondere aus der Privatisierung der Unternehmen, der Einführung von Markt und Wettbewerb und der Übernahme europäischen Rechts auf dem Agrarsektor ergaben.

Mit der Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990 ergab sich für die Verbändearbeit eine neue Situation. Es erwies sich als vorteilhaft und zweckmäßig, beide Verbände zusammenzuführen. Mit einem Beschluss stimmten die Mitglieder des Verbandes im Dezember 1990 mit großer Mehrheit diesem Vorhaben zu. Ab dem 1. Januar 1991 nahm das Büro Berlin des Fachverbandes der Futtermittelindustrie seine Tätigkeit auf und führte die anstehenden Verbandsaufgaben zielstrebig fort. Ab Mai 1993 beinhaltete ein Vorstandsbeschluss, das Büro Berlin aufzulösen und die Verbandsaufgaben allein von Bonn aus wahrzunehmen.

Autor:
Dr. Hans Jacobi, ehemaliger Direktor im VEB Wissenschaftlich-technisches-ökonomisches Zentrum der Getreideverarbeitungsindustrie (WTÖZ), Geschäftsführer im Verband der Getreide-, Mühlen- und Futtermittelindustrie in Berlin, anschließend Leiter des Berliner Büros des Fachverbands der Futtermittelindustrie - Berlin, 2013 (mit kleiner Ergänzung vom DVT bzgl. der aktuellen Mischfutterproduktionszahlen) - Dr. Jacobi hat diverse Dokumente und Publikationen (MFI-Schriftenreihe des Fachverbands der Futtermittelindustrie) zum Thema verfasst.


 
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